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Highlander meines Schicksals

COMING SOON!


KLAPPENTEXT:

Nie hätte Eilidh gedacht, dass ihr Ausflug in die Culag Woods sie vierhundert Jahre in die Vergangenheit führen wird, wo sich nicht nur ihr Schicksal erfüllt, sondern sie auch noch die große Liebe kennenlernt. Doch gibt es finstere Machenschaften auf Ardvreck Castle, dem Stammsitz der MacLeods von Assynt, und mordlüsterne Hexenjäger stellen eine Bedrohung dar. Auch scheint die Legende über die zwei Geister, die hier ihr Unwesen treiben, einen wahren Kern zu besitzen.

LESEPROBE:

In der Gegenwart in den nordwestlichen Highlands von Schottland am Rande von Lochinver

»Einen toten Vogel auf dem Weg oder vor dem Haus zu finden bringt Unglück. Bist du dir sicher, dass du hier entlanggehen möchtest?«, fragte Beitiris mit einem Blick auf den toten Eichelhäher, der mitten vor ihnen auf dem Weg lag, der in die Culag Woods führte.
Eilidh nickte. »Natürlich gehe ich hier entlang. Der Vogel ist tot. Was soll er mir noch tun können?«
»Er selbst wird dir natürlich nichts tun, doch ist er ein böses Omen.«
Eilidhs jüngere Schwester Janet stemmte die Hände in die Hüften. »Ach, mach sie doch nicht verrückt mit deinem Aberglauben. Wenn Tante Mariot an so etwas glauben würde, könnte sie sich nicht mehr aus dem Haus trauen. Ihre Katzen schleppen ihr ständig tote Vögel an.«
Beitiris nickte. »Aye, aber ihre Katzen bringen immer nur Spatzen und niemals Eichelhäher. Die kriegen sie nämlich nicht.« Sie wandte sich an Eilidh. »Gibt es eigentlich einen bestimmten Grund, warum du gerade jetzt so plötzlich und unerwartet nach Schottland auswanderst?«
Janet verzog das Gesicht. »Du musst nicht hinter allem etwas Übersinnliches vermuten.«
»Tu ich auch gar nicht. Aber jetzt sag doch mal selbst: Wirkt sie nicht irgendwie verändert in der letzten Zeit, ruhiger und nachdenklicher? Sie lacht auch nicht mehr so häufig wie im vergangenen Sommer.«
Eilidh seufzte. »Ich hatte in der letzten Zeit tatsächlich wenig zu lachen. Und ja, du hast recht: Ich habe einen guten Grund, hier zu sein. In Oklahoma wurde ich von meinem Ex-Freund gestalkt. Hier dürfte ich meine Ruhe haben, denn um nach Schottland zu fliegen, ist er zu geizig.« Zumindest hoffte sie das. Außerdem wusste er nicht, in welchem Teil des Landes ihre Verwandten lebten. Schließlich hatte er sich kaum dafür interessiert.
Janet schluckte. »Das hätte niemand von ihm gedacht.«
Beitiris, die Schwester ihrer Oma, starrte sie schockiert an. »Man kann den Leuten nicht in den Kopf schauen. Aber warum hast du mir nichts davon gesagt?«
»Weil ich dich nicht damit belasten wollte. Mit deinem Umzug im Herbst hast du genug zu tun. Wenn ich an all den Krempel denke, den unsere Familie gehortet hat. Ich hoffe nur, dass dein toter Vogel nicht bedeutet, dass mir dieser Typ wieder auf den Fersen ist.«
»Es tut mir leid. Ich konnte das nicht ahnen. Es muss schlimm für dich gewesen sein.«
»Ja, es war keine einfache Zeit, aber ich weiß ja, dass nicht alle Menschen so sind, und es ist ja nicht wirklich was passiert. Nur Briefe, Anrufe und hartnäckige Nachstellungen.«
Janet sah sie ernst an. »Noch war nichts passiert, aber der Typ war mir auch nicht geheuer.«
Beitiris strich sich eine schimmernde, mittelbraune Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich hoffe nur, das ist nicht der Hauptgrund, warum du hierher auswanderst. Aus der Großstadt Oklahoma in dieses kleine Nest zu ziehen, ist ein großer Schritt.«
Eilidh seufzte. »Leider ein notwendiger Schritt. Aber es ist nicht mal eine Flucht. Ich liebe Schottland. Es war wirklich nicht das erste Mal, dass ich mit dem Gedanken spielte auszuwandern. Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben meine Entscheidung nur beschleunigt.«
»Für mich wäre das ja nichts. Viel zu provinziell. Einen Urlaub hier zu machen geht ja noch, aber auswandern käme für mich nicht infrage«, sagte Janet.
»Da sieht man mal wieder, wie verschieden wir sind.« Nur äußerlich waren sie sich ähnlich. Beide besaßen dieselben grünen Augen. Janets Haar war allerdings von einem etwas helleren Braun als Eilidhs.
Beitiris blickte auf ihre silberne Armbanduhr. »Es wird spät. Mariot wird schon auf uns warten. Soll ich dich später hier abholen oder gehst du zu Fuß?«
Eilidh schüttelte den Kopf. »Die paar Meter bis zu Mariots Haus kann ich laufen. Ich komme in etwa zwei, drei Stunden nach.« Diese Zeit für sich allein brauchte sie. Das war bei ihr schon immer so gewesen.
Ihre Großtante musterte sie. »Geht es dir auch wirklich gut? Können wir dich allein lassen? Ich meine wegen deines Ex-Freundes. Sicher bist du ängstlich.«
»Mir geht es so gut wie lange nicht mehr. Natürlich könnt ihr mich allein lassen. Ich bin schließlich kein Baby mehr und habe gelernt, mich zu verteidigen, auch wenn das hier sicher nicht nötig sein wird.«
Beitiris nickte »Aye, hier in Schottland ist die Kriminalitätsrate ziemlich niedrig. Viel Spaß, mein Mädchen.«
Janet winkte ihr zu. »Man sieht sich, Schwesterherz.«
»Bis dann.« Eilidh sah den anderen nach, wie sie wieder ins Auto stiegen und davonfuhren. Dann wandte sie sich ab, schulterte ihren Rucksack, stieg über den toten Vogel hinweg und marschierte den Weg entlang.
Eilidh liebte den Wald. Er war nicht nur reich an Vögeln, es gab hier auch viele Schmetterlingsarten und Fledermäuse. Etliche Bäume waren dermaßen mit Flechten bewachsen, dass man ihre Stämme kaum noch sah. Eine Unterart der Lobarion-Flechte, die hier recht verbreitet war, konnte Rückschlüsse auf das Alter der Bäume geben. Einige standen bereits seit Jahrhunderten hier. Einst war Schottland reich an Wäldern gewesen, doch viele davon waren Weideland gewichen. Diese Entwicklung hatte man inzwischen durch Aufforstung aufgehalten.
Eilidh kam an einer gemütlichen Holzbank vorbei. Sie nahm sich vor, sich nach einem ausgiebigen Spaziergang darauf zu setzen, die friedvolle Atmosphäre zu genießen und ein schönes Buch zu lesen. In ihrem Rucksack hatte sie einen historischen Liebesroman und ein Geschichtswerk über das schottische Clansystem mitgenommen.
Sich vorzustellen, wie es vor Hunderten von Jahren hier ausgesehen haben mochte, belebte ihre Fantasie ungemein. Einst waren hier Highlandkrieger zwischen den Ebereschen und Moorbirken umhergelaufen. Gewiss waren das interessante, aber auch gefahrenvolle Zeiten gewesen. Als Autorin historischer Liebesromane interessierte sie sich natürlich sehr für Geschichte und las viel.
Sie nahm ihren Rucksack ab, um einen Schluck Mineralwasser aus der mitgebrachten kleinen Flasche zu trinken. Kühl und erfrischend rann die Flüssigkeit ihre Kehle hinab. Sie verschloss die Flasche wieder, um sie wegzupacken. Eilidh schloss die Augen, um die Ruhe und den Duft des Waldes zu genießen. Es war herrlich hier. Bisher war sie keinem Menschen begegnet.
Plötzlich vernahm sie ein herzzerreißendes Weinen, das von einer Frau zu stammen schien. Hier war jemand in Not. Um dem Geräusch zu folgen, musste sie den Weg verlassen, aber hier war noch niemals was passiert. Außerdem war sie vorsichtig. Sie glaubte nicht, dass ihr Ex-Freund ihr bis hierher gefolgt war und ihr auflauerte. Er konnte ja kaum wissen, dass sie sich an diesem Ort befand. Dennoch kam sie sich beobachtet vor.
Eilidh gelangte auf eine kleine Lichtung, auf der eine zierliche Frau in einem traditionellen Earasaid auf dem Boden saß. Sie hatte Eilidh den Rücken zugewandt, sodass sie nur das Gewand und eine Unmenge dunklen Haares sah. Ob sie auf einem historischen Markt gewesen war? Sonst schien sich niemand in der Nähe zu befinden. Ihr fiel ein, dass sie ihren Rucksack vergessen hatte, doch den konnte sie immer noch später holen.
Eilidh trat näher. »Warum weinen Sie?« Die Frau tat ihr leid. Vielleicht konnte sie sie ja trösten, falls sie es zuließ. Doch die Fremde antwortete nicht. Sie schien sie nicht mal zu bemerken in ihrem Gram. Was war ihr wohl widerfahren?
Sie wollte sich der Fremden noch weiter nähern, da sah sie die Bäume um sich herum plötzlich nur noch verschwommen. Alles wirkte verzerrt und undeutlich, es wurde immer dunkler. Auch die Geräusche des Waldes vernahm sie dumpfer wie durch Watte.
Was geschah mit ihr? Die Bäume verwandelten sich in dunkelgrüne Schemen, in deren Mitte sich ein Wirbel aus Licht auftat, größer wurde, sie umsponn und schließlich verschlang. Sie verlor den Halt unter den Füßen und glaubte ins Bodenlose hinabzustürzen. Ihr Bewusstsein schwand.

Als Eilidh erwachte, wusste sie nicht, wie lange sie dort gelegen war. Es war noch immer hell. Der Tag schien also nicht allzu vorangeschritten sein. Eilidh sah sich um. Die Fremde war von der kleinen Lichtung verschwunden. Das fand sie nicht besonders fein, zumal sie ihr hatte helfen wollen. Eilidh rief nach ihr, doch es kam keine Antwort. Gewiss war die Frau bereits über alle Berge.
Ihr fiel die seltsame Formation der Bäume auf, die sie zuvor nicht beachtet hatte, da ihre Aufmerksamkeit auf die Frau gerichtet gewesen war. Sie befand sich genau in der Mitte zwischen drei Bäumen: einer Eiche, einer Esche und einem Weißdorn, denen die Kelten einst magische Fähigkeiten nachsagten. Auch brachte man sie in Verbindung mit den Feen.
Eilidh blickte zu ihren Füßen. Es überraschte sie, in der Mitte des Baumkreises kein Hindernis zu erblicken. Nicht mal ein Stein oder ein Ast lag hier. Über irgendetwas musste sie doch gestolpert sein. Normalerweise fiel sie nicht einfach so hin. Auch war es das erste Mal, dass sie ohnmächtig geworden war. Das irritierte und verstörte sie. Mit ihrem Blutdruck war, soweit sie wusste, alles in Ordnung. Sie nahm sich vor, diesen und ihre Blutwerte demnächst beim Arzt überprüfen zu lassen. Vermutlich hatte sie in der letzten Zeit einfach zu viel Stress gehabt.
Ihr Rucksack dürfte noch am Wegesrand stehen, sofern ihn nicht jemand in der Zwischenzeit mitgenommen hatte. Doch daran glaubte sie nicht, denn die meisten Leute hier waren ehrlich.
Sie erhob sich vorsichtig. Glücklicherweise war ihr nicht mehr schwindelig. Sie fühlte sich ein wenig müde, aber ansonsten ganz in Ordnung. Sie klopfte etwas Erde von ihrem schlichten, lindgrünen Sommerkleid und lief in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Verdutzt sah sie einen unbekannten Teil des Waldes vor sich. Vom Weg war keine Spur zu sehen. Sie lief zurück zu den drei Bäumen und ging in die entgegengesetzte Richtung. Auch dort gab es keinen Weg. Abermals kehrte sie zur Baumtriade zurück und lief von dort aus in verschiedene Richtungen, doch in keiner davon fand sie den Weg. Das war höchst seltsam. Der Weg musste sich ganz in der Nähe befinden. Oder hatte sich jemand einen Scherz mit ihr erlaubt und sie während ihrer Bewusstlosigkeit zu einer anderen Stelle des Waldes getragen? Doch warum sollte jemand so etwas tun?
Es erschien ihr wahrscheinlicher, dass sie sich doch verlaufen hatte, auch wenn sie dies ungern zugab. Dabei war sie schon häufiger hier gewesen. So etwas war ihr in den Culag Woods noch niemals zuvor passiert. Allerdings hatte sie sich da stets an die Wege gehalten …
Wenn sie wenigstens ihren Rucksack finden würde, denn so langsam bekam sie Hunger. Das nächste Mal würde sie einen Kompass mitnehmen, selbst wenn sie verwunderte Blicke dafür erntete. Außerdem würde sie eine Hose anziehen, in deren Tasche ein Handy passte, denn da ihr Kleid keine Taschen besaß, lag ihr Handy im Rucksack.
Als ein Wassertropfen auf ihrer Stirn zerplatzte, blickte sie nach oben in den grauen Himmel. Auch das noch! Es würde doch hoffentlich nicht regnen. Wenn sie sich am Sonnenstand orientierte, konnte sie die ungefähre Himmelsrichtung auch ohne Kompass ermitteln.
Sobald sie hier herauskam, würde sie sich bei den Pfadfindern oder irgendeinem Überlebensprogramm anmelden. So etwas konnte auch nur ihr passieren. Die Leute hier würden sie auslachen. Vielleicht hatte sie einfach zu lange in der Großstadt gelebt, um in ländlicheren Gefilden noch überlebensfähig zu sein. Doch das sollte sich in Kürze ändern, nahm sie sich vor.
Der verdammte Weg konnte doch nicht einfach verschwunden sein. Ihr Orientierungssinn war zwar nicht der beste, aber so verlaufen hatte sie sich noch nie zuvor in ihrem Leben. Eilidh fluchte leise und lief stur geradeaus gen Norden, wo sie irgendwann auf die Straße nach Lochinver treffen müsste. Irgendwann endete jeder Wald.
Wenn sie wenigstens ihr Handy bei sich hätte. Dieses verdammte Kleid und vor allem die weißen Sandalen waren äußerst unpraktisch. Sie bereute es, nicht zweckmäßigere Kleidung angezogen zu haben, aber das hatte sie wirklich nicht ahnen können. Schließlich befand sie sich nicht zum ersten Mal hier.
Irgendwie erschien ihr der Wald größer und dichter bewachsen, als sie ihn vom vergangenen Jahr in Erinnerung hatte. Sie rief mehrmals nach Hilfe, doch es schien niemand in der Nähe zu sein. Offenbar war sie weiter vom Weg abgekommen, als sie gedacht hatte. Erneut traf sie ein Tropfen und dann noch einer. Sie vernahm das Tröpfeln auf dem Blätterdach.
Zu allem Verdruss knurrte auch noch ihr Magen. Sie hätte wirklich mehr zum Frühstück essen sollen. Immer schneller prasselten die Regentropfen herab und wurden schließlich zu Fäden. Ein Highlandplatzregen ging herunter, der Eilidh in kurzer Zeit bis auf die Haut durchnässte.
Sie schlug sich fluchend durchs Dickicht und hoffte, sich dabei nicht auch noch Zecken einzufangen. So einen Pechtag wie heute hatte sie schon lange nicht mehr gehabt. Am besten wäre sie heute Morgen gar nicht erst aufgestanden. Im Bett liegen, heißen Tee trinken, Kekse essen und ein Buch lesen war eine angenehme Vorstellung, wie sie diesen Tag hätte gestalten können. Stattdessen irrte sie nun hungrig und durchnässt durch den Wald.
Sie quetschte sich gerade zwischen zwei Haselnussbüschen hindurch, da stürmte eine junge Frau aus dem Unterholz. Es handelte sich allerdings nicht um dieselbe, wegen der sie den Weg verloren hatte, denn diese hier war blond. Erleichtert atmete Eilidh auf. Endlich war sie nicht mehr allein. Gewiss wusste sie, wie man aus dem Wald herauskam.
»Damainte!«, fluchte die schöne Fremde lauthals auf altertümlich klingendem Schottisch-Gälisch. Oder handelte es sich gar um Irisch, die irische Variante des Gälischen?
Die Frau erblickte Eilidh. Sie wirkte aufgebracht. Ihre Wangen waren gerötet und der Blick unstet. »Wer seid Ihr denn? Keinen Augenblick habe ich mehr meine Ruhe. Ich kann mich hier nicht mal in Ruhe erleichtern! Daran ist nur Raasay schuld!«
Das wollte Eilidh eigentlich gar nicht wissen. Wer war Raasay? Das war doch der Name einer Gegend.
»Es tut mir leid. Ich wollte Sie wirklich nicht stören. Ich habe mich verirrt. Könnten Sie mir bitte sagen, wo sich der Weg befindet?«
Die Frau ließ ihren Blick über Eilidh wandern. »Welchen Weg meint Ihr? Es gibt hier keine Wege, aber wohl den einen oder anderen Trampelpfad. Wie ist Euer Name, von welchem Clan stammet Ihr und welch seltsames Gewand ziert Euren Leib?« Die Frau strich sich ihr wirres Haar, in das ein Stück grün-blaues Plaid gebunden war, aus dem Gesicht.
Die musste gerade etwas über ihr Kleid sagen, denn ihr eigenes wirkte recht altmodisch. Das war noch untertrieben. Mit dem miederähnlichen Oberteil, dem zerknitterten Hemd, dem langen Rock und der Earasaid aus grün-blau-kariertem Tartan, die von einer runden Metallbrosche über der Brust gehalten wurde, sah sie aus, als hätten sie sie aus einem Historienfilm rausgeschmissen. Um ihren Hals hing an einem Lederband ein runder, blassrosa Stein.
Eilidh wollte gerade etwas erwidern, da stürmten plötzlich drei wie altertümliche Highlandkrieger gewandete, wild aussehende Typen mit gezückten Schwertern aus dem Unterholz. Sie umzingelten Eilidh und sahen sie an, als besäße sie zwei Köpfe.
Einer der Männer, ein Blonder musterte sie mit unverhohlener Lüsternheit im Blick. »Ich glaube, sie ist keine der MacKenzies. Von diesem dürren Weib wird wohl kaum eine Gefahr ausgehen.«
Eilidh kreuzte die Arme vor der Brust, da sie befürchtete, dass der Stoff ihres Kleides im nassen Zustand ziemlich durchsichtig war.
Ein anderer der drei, ein muskulöser Mann mit langem, dunklen Haar, nickte. »Das denke ich auch. Sie ist harmlos.« Er sah verdammt gut aus. Als Einziger trug er keinen Bart, wirkte dadurch aber auch nicht wesentlich zivilisierter. Sie alle machten den Eindruck, als hätten sie mehrere Tage und Nächte im Wald verbracht.
Der Rothaarige sah sie misstrauisch an. »Es könnte eine Falle sein. Warum sollte wohl ein Weib allein im Wald herumlaufen?«
Der Blonde grinste unverschämt. »Womöglich ist sie ihrem Gemahl davongelaufen. Wer weiß, was sie angestellt hat, denn dass sie allein hier herumirrt, ist höchst verdächtig.«
»Vielleicht sucht sie ja nur Beeren und Kräuter«, wandte die Frau überraschenderweise ein.
Der Rothaarige schüttelte den Kopf. »Nay, dann hätte sie einen Korb oder wenigstens ein Säcklein bei sich. Sagt, Weib, was habt Ihr hier im Wald zu suchen?« Wie die Frau trug er altertümliche Kleidung, ein langes Hemd und darüber den féileadh-mór, das gegürtete, auf sehr altmodische Weise getragene Plaid, den Vorgänger des modernen Kilts. Er sah verdammt authentisch aus, das musste sie ihm lassen.
»Ich habe mich verlaufen.« Sie starrte zu Boden.
Bis auf die Frau, die ihre Füße mit löchrigem Leder umwickelt hatte, waren alle barfuß. Im Gegensatz zu der Frau sprachen die Männer Scots. Wenn sie sich nicht irrte, war sie auf eine Gruppe Reenlarper gestoßen oder die vier kamen geradewegs von einem Mittelaltermarkt oder etwas Ähnlichem. Sie hob den Blick wieder.
Stirnrunzelnd sah der Rothaarige sie an. »Woher kommt Ihr?«
»Aus Balchladich«, sagte sie.
Er hob eine Augenbraue. »Nie gehört. Wo soll das sein?«
»An der B869 neben dem Loch Neil Bhan, ungefähr zwölf Meilen nordwestlich von Lochinver.«
»B869? Was soll das sein?«
»Na, die Schnellstraße«, sagte sie. Die spielten also wirklich das Leben in der Vergangenheit nach. Aber so langsam verlor sie die Geduld mit ihnen.
Er hob die Achseln. »Ich verstehe nicht, welche Straße Ihr meint. Ihr scheint nicht von hier zu sein, Eurem Akzent und dem seltsamen, äußerst freizügigen Gewand nach zu urteilen.« Er sah sie missbilligend an, als wäre sie irgendein Flittchen, was sie als Unverschämtheit empfand.
An ihrem Sommerkleid war nichts ungewöhnlich und besonders freizügig war es auch nicht. Wahrscheinlich gehörte der Mann einer extremen religiösen Gruppierung an.
»Sie haben recht, ich komme aus … aus …« Warum kam ihr das Wort ›USA‹ einfach nicht über die Lippen? Die Straßenbezeichnung hatte sie ja auch nennen können. »Es ist ein fernes Land auf der anderen Seite des Meeres.«
»Auf der anderen Seite des Meeres?« Das Gesicht des Rothaarigen erhellte sich. »Ah, dann weiß ich, woher Ihr kommt. Ihr seid eine von den Wilden aus dem Norden.«
Sie berichtigte ihn in seiner Annahme nicht.
Der Blonde grinste. »Sie sieht doch aus wie eine Dirne. Was gebt Ihr Euch mit ihr ab? Keine anständige Maid würde sich in so etwas aus dem Haus wagen. Geschweige denn, dass sie sich in dem dünnen Fetzen schnell den Tod holen wird.«
Sie war entrüstet. »Was ich trage, geht Sie gar nichts an!«
Der Blonde hob die Schultern. »Dieses Gewand ist äußerst eigenartig und dann diese Farbe. Vielleicht ist sie eine Hexe.« Seine Augen verengten sich.
Die blonde Frau schüttelte den Kopf. »Ach, redet keinen Stumpfsinn. Das lässt sich einfach erklären. Wurde es mit Birkenblättern, dem Moorgagelstrauch oder Brennnesseln gefärbt. Gar mit ein wenig Schwarzdorn und Holunder?«
Eilidh hob die Achseln. »Ich weiß es nicht, da ich es nicht selbst gefärbt habe. Aber es sieht wirklich so aus, als wären Moorgagelstrauch und Holunder verwendet worden. Ganz eindeutig.« Sie hatte keinen blassen Schimmer, wovon sie da sprach, aber die Männer schienen ihr Unwissen zu teilen und dementsprechend alles für bare Münze zu nehmen. Oder sie waren verdammt gute Schauspieler. Befand sich irgendwo eine versteckte Kamera?
»Aber das Garn ist so fein, als wäre es von den Sìth gewoben worden«, sagte der Blonde.
Hexen? Sìth? Als Nächstes kam der bestimmt noch mit der Zahnfee oder dem Osterhasen. Diese Reenlarper schmissen sich also Drogen und gehörten zudem einer extremen religiösen Gruppe an.
»Eigentlich wollte ich Sie nur nach dem Weg fragen. Aber wenn Sie den nicht kennen, gehe ich einfach weiter in diese Richtung. Tschüs. War interessant, Sie kennengelernt zu haben.« Sie setzte sich in Bewegung, da sie nur schnell weg wollte von diesen verrückten Leuten. Die waren doch nicht mehr ganz bei Trost.
»He, stehen bleiben, du Hexe!« Der Blonde stellte sich ihr in den Weg. Solche imposante Muskelmassen konnte frau wohl kaum ignorieren, besonders wenn sie dringend ein Bad benötigten.
Der bartlose Dunkelhaarige schüttelte den Kopf. »Was wissen wir schon über die handwerklichen Fertigkeiten anderer Völker? Ein Gewand allein macht keine Hexe aus ihr. Wir sollten uns nicht zu voreiligen Schlussfolgerungen hinreißen lassen.«
Der Rothaarige kratzte sich am Bart. »Dessen wäre ich mir nicht so sicher.«
»Wir müssen ihr ein anderes Gewand beschaffen, sonst gerät sie nur in Schwierigkeiten«, sagte die blonde Frau.
Der blonde Mann schüttelte den Kopf. »Gar nichts müssen wir. Sie ist eine Fremde. Die geht uns nichts an. Schon gar nicht, wenn sie eine Hexe ist und nach Ärger riecht. Was denkt Ihr außerdem, was ein Kleid kostet? Wir kaufen doch nicht jeder Bettlerin neue Gewänder.«
Eilidh wollte die Ablenkung nutzen, um sich aus dem Staub zu machen, doch der Rothaarige war schneller. Er umfasste ihre Taille und zog sie an seinen Leib. »Seht, das Täubchen will ausfliegen. Wie verdächtig. Offenbar hat sie etwas zu verbergen.«
Sie wand sich in seinen Armen, doch er war eindeutig stärker.
»Was machen wir mit ihr?«, fragte der Dunkelhaarige.
»Mich freilassen. Ich habe keinerlei Bedürfnis nach eurer Gesellschaft.«
Der Blonde starrte sie regelrecht nieder. »Dich hat keiner gefragt.«
»Jetzt reicht es mir!« Eilidh trat dem Rothaarigen mit voller Wucht gegen das Schienbein, woraufhin er sie fluchend losließ.
»Sagte ich es doch, sie ist eine Hexe!« Er versuchte, sie erneut zu fangen.
Der Dunkelhaarige stellte sich zwischen sie, bevor der andere sie ergreifen konnte. »Halt! Wir tun Weibern nichts! Dafür sind wir nicht Krieger geworden.«
Der Blonde grinste. »Na gut, dem Laird würde das auch nicht gefallen. Der mag das Weibsvolk. Nehmen wir sie eben für ihn mit, dann rennt sie nicht weiter im Wald herum und erschreckt arme Wanderer.«
Eilidh stemmte die Hände in die Hüften. »Wie können Sie es wagen, in dem Tonfall mit mir zu sprechen! Ich gönne Ihnen ja Ihren Spaß und habe durchaus Humor und Verständnis für anders Gesinnte und deren nicht alltägliche Interessen, aber halten Sie mich bitte aus Ihrem Reenlarpment-Zeug raus!«
Der Blonde sah sie verständnislos an. »Hä? Aus was für einem Zeug?«
»Reenlarpment. Das ist es doch, was Sie machen? LARP, Reenactement oder wie auch immer Sie es nennen. Ich halte mich da raus und Sie lassen mich in Ruhe! Ich verlasse jetzt diesen Wald und Sie können Ihr Spiel weitermachen wie geplant. Ich werde garantiert nicht mehr stören.« Je früher sie von diesen Irren wegkam, desto besser.
Der Rothaarige sah seine Begleiter an. »Was ist das für fremdländisches Zeug? Versteht Ihr, wovon sie spricht?«
Alle schüttelten die Köpfe.
So langsam gingen sie ihr auf die Nerven. Verarschen konnte sie sich selbst. Sie würde dieses Spiel nicht länger mitmachen.
»Vielleicht ist sie verwirrt. Ihr habt Ihr gewiss einen gewaltigen Schrecken eingejagt, so wie mir, als ich Euch das erste Mal erblickte«, sagte die blonde Frau.
Eilidh stemmte die Hände in die Hüften. »Ich bin ganz sicher nicht verrückt – im Gegensatz zu Ihren Begleitern!« Die Frau schien ganz nett zu sein, aber diese Männer waren einfach unmöglich. Da sich die Blonde mit diesem Gesindel abgab, stellte sie das allerdings in kein viel besseres Licht.
Der Dunkelhaarige sah Eilidh nachdenklich an. »Wir können sie aber auch nicht hier allein im Wald lassen.«
»Doch das können Sie! Beachtet mich nicht weiter. Ich bin nie in euer Spiel hineingeraten. Mich gibt es nicht. Ich gehe jetzt!« Eilidh setzte sich in Bewegung, doch der Dunkelhaarige hielt sie auf. Schade, dass so ein gut aussehender Mann offenbar verrückt war.
»Und wenn Räuber und Diebe Euch überfallen? Nicht nur Geld und Gut vermögen sie Euch zu rauben. Ihr seid nur eine schwache Maid. Dann sagt uns wenigstens, wohin wir Euch begleiten sollen, damit Ihr in Sicherheit seid.«
Der Rothaarige trat einen Schritt vor. »Wir sind kein Fuhrdienst für irgendwelche Dirnen! Zudem verrinnt die Zeit zu rasch.«
»Ich bin weder eine Hexe noch irgendeine Dirne. Ich will nur raus aus diesem verdammten Wald und nach Lochinver zu meiner Tante. Ist das denn so schwer zu verstehen?«
»Warum habt Ihr das nicht gleich gesagt?«, fragte der Blonde.
Eilidh schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Warum musste sie mit diesen Irren gestraft sein?
Der Blonde sah sie mitleidig an. »Sie schlägt sich selbst. Ich befürchte, sie ist tatsächlich verwirrt. Bringen wir sie zu ihrer Tante. Soll die sich um das irre Weibsstück kümmern.«
Die vier Verrückten fanden erstaunlich schnell das Ende des Waldes und führten sie zu einer kleinen, altertümlich anmutenden Siedlung, die die Reenlarper selbst errichtet haben dürften. Dabei hatten sie ganze Arbeit geleistet.
Eilidh stemmte die Hände in die Hüften. »Nach Lochinver will ich, nicht in eure selbst gebaute Möchtegernsiedlung!« Sie rümpfte die Nase. Irgendwie roch es hier verdächtig nach Dung, Schweißfüßen und anderen Dingen, die sie lieber nicht identifizieren wollte.
Der Blonde sah sie verständnislos an. »Aber das ist Lochinver und wir haben es gewiss nicht erbaut.« Er lachte.
»Geht es Euch gut?«, fragte die blonde Frau. Ihre Augen waren von einem wunderschönen Grünton.
Eilidh verspürte Verzweiflung. Sie wollte nur noch nach Hause oder zu ihrer Tante, um in Ruhe einen Tee zu trinken und aus ihren feuchten Klamotten herauszukommen, die inzwischen zu trocknen begannen. Stattdessen stand sie hier in diesem stinkenden Kaff umgeben von Irren. Niedergeschlagen ließ sie ihren Blick über die Buden, Stände und alten Häuser gleiten. Die betrieben einen ganz schönen Aufwand, das musste man ihnen lassen.
Das wirkte schon sehr authentisch. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass so ein Fest hier stattfand. Andererseits hatten weder ihre Tante noch ihre Schwester Interesse an so etwas. Sie selbst noch am ehesten, solange sich die Leute vernünftig verhielten, was hier ganz eindeutig nicht der Fall war. Dennoch war es interessant, sich alles anzusehen. Solange man nicht zu tief einatmete …
Plötzlich stutzte sie, denn sie erkannte die Küstenlinie des Loch Inver wieder. Diese war unverkennbar. Der Schock traf sie schlagartig. Es durchfuhr sie heiß und kalt. Sie war schon häufig hier gewesen, aber da hatte es an diesem Ort ganz anders ausgesehen.
»Oh mein Gott, ich bin in Lochinver!«, entfuhr es ihr.
»Aber natürlich sind wir in Lochinver. Das sagen wir doch schon die ganze Zeit.« Der Rothaarige schüttelte den Kopf. »Die Arme ist tatsächlich ganz verwirrt.«
»Fragen wir den Chieftain, was wir mit ihr tun sollen. In dem Zustand können wir sie nicht hier lassen«, sagte der Dunkelhaarige.
Da sie ohnehin schon alle für geistig umnachtet hielten, kam es auf diese Frage nun auch nicht mehr an. »Welches Jahr haben wir?«