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Geliebter Highlander

Ein Historischer Highlander-Liebesroman, bei dem das Historische groß geschrieben wird:


KLAPPENTEXT

Marsaili MacIntosh geht, als ihre Cousine die Nerven verliert, an deren Stelle ein Handfasting mit dem Erzfeind Ewen Cameron ein. 
Schon seit Jahrhunderten bekriegen sich die Clans wegen Torcastle, das derzeit von den Camerons besetzt ist. Der Laird von den Inseln befiehlt den Frieden zwischen ihnen, um seine Position gegenüber dem schottischen König zu stärken. Beide Clans befinden sich im Spannungsfeld größerer Mächte. 
Das Handfasting zwischen Marsaili und Ewen soll zeitlich begrenzt sein, doch nie hätte sie gedacht, ihren Verlobten derart anziehend zu finden. Es kann keine gemeinsame Zukunft geben, ohne dass dass Täuschungsmanöver aufgedeckt wird und der erzwungene Friede in einen noch blutigeren Clankrieg enden könnte. 


LESEPROBE

Betrug

Beathag MacIntosh sah aus, als hätte sie ihren eigenen Tod gesehen.
»Der Cameron-Chieftain trinkt sein Ale aus den Schädeln seiner Feinde. Mit solch einer Bestie werde ich ganz sicher keine Verlobung eingehen. Da könnte ich mich ja gleich umbringen.« Beathag wandte ihr tränenüberströmtes Gesicht ihrer Cousine Marsaili zu.
Diese machte sich ernsthafte Sorgen um sie, aber auch die Zukunft der Clan-Konföderation Chattan. Zu viel stand auf dem Spiel. Es ging um Krieg und Frieden und jenes Stück blutdurchtränkten Landes, auf dem sich Torcastle befand. Viele waren bereits in dieser grausamen Fehde gefallen, die nun hoffentlich bald ein Ende finden würde. Sie betete nur darum, dass Alexander MacDonald von Lochalsh, der Herr der Inseln oder Triath nan Eilean, wie man ihn im Gälischen nannte, die richtige Entscheidung getroffen hatte. Alles andere wäre fatal.
Beathags Lippen bebten, als sie weitersprach. »Ich kann das wirklich nicht. Sie sagen, der Cameron sei grausam, hart und unerbittlich.« Mit den wirren dunkelbraunen Locken und den verweinten, graublauen Augen gab sie ein Bild der Verzweiflung und des Elends ab.
Marsaili verspürte Mitgefühl für sie. »Mach dir keine Sorgen. Ganz so schlimm wird es kaum werden. Man sollte nicht alles glauben, was geredet wird. Über deinen Vater gibt es ähnliche Gerüchte wie über den Cameron und kaum etwas davon ist wahr. Der Cameron wird dir nichts tun, da er sonst den Zorn Alexanders von Lochalsh heraufbeschwört. Außerdem musst du ja nur ein Jahr und einen Tag bei den Camerons bleiben«, sagte sie in beschwichtigendem Tonfall, doch ihre Cousine beruhigte dies keineswegs. Im Gegenteil schien ihre Verzweiflung beständig zuzunehmen.
Beathag schluchzte. »Du verstehst mich mal wieder nicht. Ein Jahr kann so lang werden, besonders wenn man im Haus des Feindes leben muss, wo einen jeder hasst, verabscheut oder nach dem Leben trachtet. Selbst wenn der Cameron mir nichts tut, wer garantiert mir denn, dass seine Leute sich friedlich verhalten? Wärst du in meiner Lage, so würdest du ganz sicher anders reden. Ich begreife nicht, wie mir mein Vater das antun kann!«
Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit würde sie an Beathags Stelle anders handeln. Äußerlich waren sie sich derart ähnlich, dass sie häufig verwechselt wurden, doch innerlich hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Während Beathag dazu neigte, zaghaft, unsicher und ängstlich zu sein, so war Marsaili forsch und neugierig.
»Nicht dein Vater, sondern der Triath nan Eilean will dies. Dein Vater zeigt ihm gegenüber seine Loyalität, indem er sich dessen Willen beugt. Ich vermute, dieser beharrte darauf, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Onkel Duncan dich leichtfertig verschachert.«
Schon lange waren die MacIntoshs dem alten gälischen Fürsten der Inseln treu ergeben. Dabei handelte es sich stets um den jeweiligen Clanführer der MacDonalds. Die Wurzeln seiner Herrschaft lagen viel weiter zurück als jene des schottischen Königs.
Während Beathag die Tochter Duncans war, des Führers des MacIntosh-Hauptclans und der Chattan-Konföderation, so stammte Marsaili von dessen jüngeren Bruder Lachlann ab, der den Badenoch-Seitenzweig gegründet hatte.
Beathag schnaubte empört. »Verschachert ist wohl das richtige Wort dafür, auch wenn mein Vater das wohl nie zugeben würde. Mich stört außerdem, dass der Cameron alles bekommt, mich und Torcastle mit Lochaber. Aber was erhalten wir durch diesen Handel?«
»Frieden. Sollte es Alexander gelingen, mit dieser Verbindung die alte Fehde zu beenden, so stärkt er seine Truppen, weil sich die ihm ergebenen Clans nicht mehr gegenseitig umbringen, sei es auch nur für ein Jahr. Indirekt ist das alles auch gut für die Chattan-Konföderation.«
Beathag schluchzte. »Was interessieren mich diese komplizierten politischen Dinge!«
»Dann sieh es so: Es ist nur ein Handfasting, nichts wirklich Verbindliches. Solange du mit dem Cameron nicht das Lager teilst, wird keine Ehe daraus resultieren.«
Beathag hob empört ihre Nase, obwohl die Tränen noch immer flossen. »Als hätte ich vor, mich jemals von diesem abscheulichen Tier anfassen zu lassen.« Nacktes Grauen lag in ihrem Blick.
»In dieser Hinsicht hast du nichts zu befürchten, denn ich glaube kaum, dass er mit einer MacIntosh verheiratet sein will. Nach Ablauf des Jahres bist du frei.«
Beathag senkte den Kopf. »Irgendwie glaube ich nicht daran, dass es wirklich zu dem ersehnten Frieden kommen wird. Dazu gibt es zu viel Hass auf beiden Seiten und keiner wird auf das Land verzichten wollen, um das sie viele Jahrhunderte lang gekämpft und wofür ihre Ahnen ihr Blut gelassen haben.«
Da hatte Beathag leider recht. Es würde sehr schwer werden, Frieden zu erlangen.
»Ich verstehe, warum du so denkst«, sagte Marsaili.
Beathag glich inzwischen nur noch einem Häuflein Elend. Ihre Augen waren verquollen und ihre Frisur hatte sich vollkommen aufgelöst.
Ihre Zofe Afraic, ein siebzehnjähriges Waisenmädchen, das Beathags Vater vor Kurzem in seine Dienste genommen hatte, sah sie verschreckt an. »Der Tighearn der Camerons wird schon nicht so schlimm sein. Kopf hoch, A'Mhaighdeann Beathag.«
Beathag wischte sich über die Stirn, auf der sich ein paar Schweißtropfen gesammelt hatten. »Aber ich kann das nicht. Ich überstehe kein Jahr im Haus dieser Mörder, wo mich jeder hasst! Dafür bin ich einfach zu feinfühlig.«
Marsaili, die um den wankelmütigen Charakter ihrer Cousine wusste, machte sich ernsthaft Sorgen um den Ausgang dieser Angelegenheit. Obwohl Beathag einen Sommer mehr als sie zählte, war Marsaili immer deren Beschützerin gewesen, wenn andere Kinder sie ärgerten. Beathag war häufiger bei Marsaili in Gellovie in Badenoch gewesen und diese wiederum öfters im Stammsitz der MacIntoshs auf Moy Island. Aber so verstört wie heute hatte Marsaili ihre Cousine noch nie gesehen.
Beathags Blick, mit dem sie Marsaili taxierte, war plötzlich hart geworden. »Du wirst für mich gehen!«
Entsetzen durchfuhr Marsaili wie Eiswasser. »Aber warum denn?«
»Weil ich nur wegen dir hier bin. Ohne dich wäre ich längst mit dem MacDonald verheiratet.«
»Du kannst doch nicht deine Verlobung von vor einem Jahr meinen?«
Beathag nickte. »Genau die meine ich. Du trägst die Schuld, dass ich nicht mit ihm verheiratet bin und mich jetzt stattdessen mit diesem schrecklichen Cameron verloben muss. Hättest du dich ihm nicht an den Hals geworfen, wäre das alles nicht geschehen.«
Marsaili schnappte vor Empörung und Schock nach Luft. »Ich bin schuld? Dein damaliger Verlobter hat sich mir an den Hals geworfen, nicht umgekehrt.« Das war so ungerecht. Sie verspürte tiefe Enttäuschung.
»Aber du hast ihn geküsst!«
Marsaili starrte sie an. »Ich soll ihn geküsst haben? Das glaubst du doch selbst nicht. Er hat mich geküsst. Ich wollte das gar nicht. Oder denkst du wirklich, ich wollte dir deinen Verlobten wegnehmen?«
»Es ist eine Tatsache, dass ich die Verlobung mit ihm daraufhin gelöst habe. Ansonsten hätte ich ihn bloßgestellt und das wusste er, weswegen er seinen Vater ersucht hat. Offenbar hatten wir Glück, dass der alte Herr einsichtig war.«
Afraic starrte die beiden an. »Davon wusste ich ja gar nichts.«
Beathags Blick durchbohrte sie regelrecht. »Und du weißt auch jetzt nichts davon, wenn du weiterhin in meinen Diensten sein willst. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass diese Bestie mit mir Tisch und Bett teilen soll.« Sie zitterte noch immer.
Marsaili legte eine Hand auf den Arm ihrer Cousine, um diese zu beruhigen. »Er wird dich wohl kaum anrühren.«
»Ein Jahr bei diesen Wilden, diesen Barbaren. Allein der Gedanke daran ist unerträglich! Du wirst für mich gehen oder ich erzähle meinem Vater und Onkel Lachlann, was damals wirklich geschehen ist mit dem MacDonald und dass du die Schuld trägst an der Auflösung meiner Verlobung. Wer von beiden denkst du wird dich schlimmer bestrafen?«
Marsaili erschrak. »Aber du weißt so gut wie ich, dass es nicht von mir ausgegangen ist. Außerdem behauptete dein feiner Verlobter anschließend, uns verwechselt zu haben.«
»Uns verwechselt zu haben? Unser Kleidungsstil könnte nicht unterschiedlicher sein. Was ich gesehen habe, spricht seine eigene Sprache. Außerdem wird mein Vater mir Glauben schenken. Er führt die ganze Konföderation an. Man wird dich bestrafen. Womöglich musst du dann den Cameron heiraten und wärst für immer an ihn gebunden. Diese Farce von einer Verlobung würde doch sonst ohnehin nicht aufrecht erhalten. Wer kommt auf die Idee, sie auf ein Jahr und einen Tag zu begrenzen?«
Marsaili hob die Achseln. »Ich glaube, die Idee stammte entweder vom Cameron oder dem Triath nan Eilean.«
»Mir ist gleichgültig, welcher Schwachkopf dies ersonnen hat, aber ich werde auf keinen Fall darunter leiden, nicht, wenn ich es verhindern kann.«
»Aber mich schickst du dorthin?«
Beathag sah sie berechnend an, obwohl sie noch immer erschüttert wirkte. »Wie ich bereits sagte, wäre ich jetzt normalerweise mit dem MacDonald verheiratet.«
»Du wolltest ihn doch gar nicht! Das hast du mir damals selbst gesagt. Dass er hinter mir her war und mich gegen meinen Willen geküsst hat, kam dir doch äußerst gelegen, um ihn zu zwingen, die Verlobung zu lösen.«
Beathag hob die Achseln. »Das mag sein, doch mein Vater war damals ziemlich wütend. Wenn ich ihm sage, dass du die Schuld daran trägst, möchte ich nicht in deiner Haut stecken.«
Marsaili schluckte. »Du würdest das also wirklich tun?«
Ihre Cousine nickte. »Ja, so verzweifelt bin ich. Du verstehst mich nicht. Ich habe Angst wie nie zuvor in meinem Leben. Eher bringe ich mich um, als dass ich mich in die Hände dieses abscheulichen Ungeheuers begebe!«
»Denkst du wirklich, unsere Eltern würden auf solch einen Tausch hereinfallen?«
Beathag hob die Achseln. »Sie sind früher schon darauf hereingefallen, als wir Kinder waren. Außerdem werden sie Stillschweigen bewahren in Anbetracht möglicher Konsequenzen für sich selbst. Deine Eltern beachten dich ohnehin kaum und meine Eltern bekommen dich nicht mehr zu sehen oder denkst du, sie besuchen die Camerons? Die haben sich ja sogar geweigert, an dem Handfasting teilzunehmen. Ich muss sagen, ich bin darüber zutiefst erschüttert und enttäuscht, denn das wäre das Mindeste gewesen, was sie für mich tun hätten können, wenn sie mich schon in diesen Höllenpfuhl schicken.«
Marsaili nickte. »Das finde ich allerdings auch. Aber was ist, wenn der Cameron daraus eine richtige Ehe machen will?«
»Darüber würde ich mir nicht den Kopf zerbrechen. Soweit ich gehört habe, will der kein Weib mehr seit dem Tod seiner ersten Frau.«
Marsaili sah sie erstaunt an. »Er war schon mal verheiratet?«
Beathag nickte. »Ich glaube etwa um 1482 hat er ein MacDonald-Mädchen geheiratet. Sie starb leider jung. Die genauen Umstände weiß ich nicht, aber man munkelt, er soll sie getötet haben. Das habe ich von Reisenden gehört.«
»Wie entsetzlich. Aber warum sollte er so etwas tun?« Marsaili schlug sich erschrocken eine Hand vor den Mund.
Beathag sah sie ratlos an. »Ich weiß es nicht. Wir sollten unsere Gewänder tauschen, bevor Forveleth aufwacht oder die Camerons kommen. Zwar sind wir etwas früher dran als vorgesehen, doch man weiß ja nie. Außerdem könnte jederzeit auch jemand von den anderen Clans in der Nähe herumschleichen.«
Schließlich trafen hier die Gebiete von vier Clans aufeinander. Es war vereinbart, dass die MacIntoshs Beathag bis zur Grenze brachten, wo sie von den Camerons abgeholt werden sollte. Dass Beathags Vater sie nicht begleiten konnte, schien sich jetzt als Glücksfall zu erweisen. Außerdem bestand so nicht die Gefahr, dass er und der Cameron-Chieftain sich gegenseitig die Hälse umdrehten.
»Nicht nur du bringst ein Opfer, liebe Cousine, sondern auch ich, wenn ich mich in diese primitive Gewandung zwänge. Wie höchst unschmeichelhaft sie doch ist.« Beathag bedachte Marsailis Kleidung mit einem Blick, der ihre Geringschätzung offenbarte. Wie in den Highlands üblich, handelte es sich um die Léine, das lange, gegürtete Hemd, über das sie bei kühlerer Witterung ein dunkelgrünes Plaid trug, das sie jedoch im Wagen abgelegt hatte, da der Tag unerwartet warm geworden war.
In der Tat war Beathags Kleid nicht nur prachtvoller als das ihrer Cousine, was ihren Status als die Tochter des Chieftains unterstrich, sondern auch an der englischen Mode orientiert, wie es in den von der Lowlandkultur geprägten Städten üblich war. Es sah Beathag ähnlich, selbst auf einer Reise etwas derart Unpraktisches anzuziehen. Davon abgesehen gefiel Marsaili die aufdringliche ockergelbe Farbe des Gewandes nicht.
»Warum willst du das nicht anziehen? Es ist aus bestem Stoff«, fragte Marsaili.
»Es ist ja so … highlandisch! Und ich sagte nicht, dass ich es nicht anziehen werde. Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben.« Beathags Stimme klang abfällig.
Marsaili sah sie verständnislos an. »Ja und? Wie sollte es denn sonst sein? Wir sind ja schließlich Highlander.« Ihrer Meinung nach sollte man seine Herkunft nicht verleugnen.
Beathag blickte die Kleidung entsetzt an. »Aber das ist ja so altmodisch. Jede gemeine Ziegen-Bäuerin läuft so herum. Ich bevorzuge die weitaus elegantere englische Mode.«
»Warum sind deine Eltern eigentlich nicht mitgekommen?«, fragte Marsaili, um vom leidigen Thema der Kleider abzulenken.
Beathag seufzte theatralisch. »Mutter ist mal wieder krank und mein Vater will aus Sorge um sie bei ihr bleiben. Aber dabei handelt es sich gewiss nur um Ausreden. Die würden sich lieber eine Hand abhacken, als sich unter Camerons zu begeben, was ich gut verstehen kann. Unter normalen Umständen hätte das Handfasting bei uns auf Moy Castle stattfinden müssen. Aber der Triath nan Eilean bestand darauf, dass wir zuerst ins Cameron-Land reisen sollen, wozu auch immer das gut sein soll.«
Marsaili hob die Achseln. »Ich weiß es auch nicht, aber der Triath nan Eilean dürfte sich etwas dabei gedacht haben, wie bei allen seinen Entscheidungen. Dir ist aber schon bewusst, dass weitaus mehr auf dem Spiel steht als ein abgelegter MacDonald-Verlober, wenn diese Sache auffliegt?« Im schlimmsten Fall konnte es zu Krieg führen.
Beathag blinzelte. »Ja, das ist mir völlig bewusst.«
»Dann ist alles gesagt worden. Schreiten wir zur Tat.«
Ihre Cousine nickte. »Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Forveleth wird uns leider keine Hilfe sein, aber wir schaffen es auch so.« Beathag warf einen Seitenblick auf ihre alte Amme, die immer noch schlief. Letztere würde, genau wie Afraic, schon aus eigenem Interesse ihren Mund halten, da sie nirgendwo eine andere Stellung finden würde und zudem Beathag treu ergeben war. Von den anderen MacIntoshs kam keiner mit aufs Cameron-Land. Der Plan war also todsicher.
Zusammen mit Afraic verließen sie den Wagen, gaben den Clanmitgliedern den Befehl zu warten und verschwanden rasch hinter ein paar Büschen in einiger Entfernung. Schließlich sollte keiner der Männer, die sie begleiteten, etwas von ihrem Täuschungsmanöver mitbekommen. Nicht dass noch einer sie an Beathags Vater verriet. Marsaili wählte den linken Busch in der Nähe des Baches, während ihre Cousine sich einem weiter entfernten näherte.
Die leuchtend violetten Blüten der Primeln, die Speerdisteln und die zweiköpfigen, zartrosa Moosglöckchen wiegten sich im Spätsommerwind. Pinien und Silberbirken wuchsen, gesäumt von duftendem Heidekraut, am Ufer des gewundenen Baches. Marsaili gönnte sich ein wenig Zeit, die frische Luft und den festen Boden unter ihren Füßen zu genießen. Lange genug hatte sie im rumpelnden Wagen gesessen. Sie zog sich bis aufs Unterkleid aus und hängte das Gewand über einen Strauch.
Afraic kam vorbei, um Beathags gelbes Kleid über einen der Büsche zu hängen und Marsailis Kleidung mitzunehmen. Das grelle Gelb des Kleides stach Marsaili regelrecht in die Augen. Schaudernd wandte sie den Blick ab. Beathags Geschmack und ihrer hätten nicht unterschiedlicher sein können. Aber da musste sie jetzt durch. Vielleicht befanden sich in den Kleidern, die nachgeschickt werden sollten, ein paar dezentere oder sie kleidete sich wieder wie früher. Damit sollte sie durchkommen, denn schließlich kannten die Camerons weder ihre Cousine noch sie.
Marsaili beugte sich über den Bach, um etwas zu trinken und ihr erhitztes Gesicht zu kühlen, da sah sie aus den Augenwinkeln, wie aus dem Gebüsch ein Schatten direkt auf sie zuhielt. Sie glaubte, in einiger Entfernung Schreie und Hufgetrappel zu vernehmen. Als sie vor dem Ungetüm zurückweichen wollte, stürzte sie ins Wasser. Kühle Nässe hüllte sie schlagartig ein. Prustend und frierend tauchte sie wieder auf.
Ein zotteliges Wesen hetzte dicht an ihr vorüber und nahm dann Beathags Kleid auf die Hörner. Nicht, dass es sonderlich schade um diesen schrecklichen Fetzen gewesen wäre, doch hatte sie bedauerlicherweise keine Ersatzkleidung in der Nähe. Daher sprang sie triefend aus dem Wasser und hetzte dem wilden Ziegenbock hinterher, der sichtlich verstört versuchte, das mit ihren Hörnern verhakte Gewand abzuwerfen, was ihm allerdings nicht gelang.
Marsaili hoffte, das Tier rechtzeitig fangen zu können, bevor das Kleid zerstört war. Der Ziegenbock hatte noch nicht viel Vorsprung. Sie konnte ihn zwischen den Büschen gut erkennen. Bald erreichte sie die Ebene. Sie rannte noch schneller. Bald würde sie es schaffen und das Tier einholen. Marsaili holte auf, doch plötzlich schlug der Bock vor Schreck einen Haken und stürmte in eine andere Richtung davon.
Dann sah sie, was das Tier so verstört hatte. Ein unbekannter, bedrohlich aussehender Reiter hielt direkt auf sie zu. Marsaili erschrak. Auch das noch! Hoffentlich war das kein Dieb oder Wegelagerer. Manche verlangten auch Lösegelder. Zitternd verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Sein etwa schulterlanges, schwarzbraunes Haar wehte im Spätsommerwind. Auf jeden Fall sah er atemberaubend aus: groß, breitschultrig mit leicht kantigen Gesichtszügen, geheimnisvollen, dunklen Augen und einem sinnlichen Mund. Er war eindeutig ein Krieger mit seiner typischen Highlandkleidung: der fast knielangen Léine und den langen Beinkleidern, die man Triubhas nannte. Sein braunes Plaid hatte er als Umhang mit einer Hornfibel vor der Brust befestigt.
Auf dem Rücken trug er eines dieser neuen Zweihandschwerter, von denen sie durch den Schmied erfahren hatte, mit dem ihr Bruder befreundet war. Das Claidheamh Mòr war etwa um 1490 von den Gallóglaigh-Söldnern erschaffen worden, welche die Klingen aus Solingen importierten.
Sowohl unter der Triubhas als auch der Léine zeichneten sich deutlich seine Muskeln ab. Seine Bewegungen waren geschmeidig, kraftvoll und fließend. Er war ein fantastischer Reiter. Beinahe schien es, als wäre er mit dem Tier unter sich verwachsen, so gut interagierten sie. Doch am faszinierendsten war der Mann selbst. Jede seiner Bewegungen war planvoll, keine unnütz. Er war ein Krieger mit jeder Faser seines Leibes. Marsaili konnte kaum die Augen von ihm abwenden, obwohl sie damit rechnen musste, einen Feind vor sich zu haben.
Mühsam riss sie sich von seinem Anblick los, denn die Ziege rannte inzwischen mit ihrem Kleid davon, während sie selbst nur äußerst knapp bekleidet war. Wie hatte sie das, wenn auch nur kurzfristig, vergessen können? Diese Erkenntnis ließ sie erröten.
»Mein Kleid!«, schrie sie. »Es läuft davon!« Sogleich wollte sie dem Tier erneut hinterherhetzen.
Der Mann lachte. »Keine Angst, ich fange es für Euch ein.«