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Wolfsmondnacht (Urban Fantasy)

2. Auflage 5. November 2014

Dieses Werk liegt mir sehr am Herzen. Nun wurde es als überarbeitete Neuauflage herausgegeben. Ein paar Tippfehler wurden bei dieser Gelegenheit ebenfalls ausgemerzt. Die Kapitel haben nun Namen.
Auch das Cover ist nun ein anderes. Testleser haben es besser befunden als das alte, das zu modern wirkte für diesen historischen Urban-Fantasy-Roman.
Da es sich um ein anderes Genre handelt, wurde er unter meinem anderen Pseudonym Amy Lynn Morgan veröffentlicht.


KLAPPENTEXT

Paris 1560
Nach dem Scheiterhaufentod seiner Mutter führt Jean-François deren Bordell in Paris weiter. Als er in einem Vampir umgewandelt wird und sich in diesen neuen Zustand anfangs nicht unter Kontrolle hat, muss er die Stadt verlassen.
Nun heimatlos geworden, bedroht ihn ein Unbekannter. Zudem gerät er unter Mordverdacht und soll ins Gefängnis.
Auch seine Schwester in Dôle schwebt in Gefahr, als es in der Franche-Compté zu grauenvollen Mordfällen und Werwolfprozessen kommt. Aufgrund ihrer Abstammung sieht sie sich Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Tochter muss sich hingegen noch ganz anderen Gefahren stellen, die nicht nur von außen kommen ...
Wird Jean-François rechtzeitig kommen, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren?
Als würde er nicht bereits bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken, sieht er sich in Dôle in einen eskalierenden Konflikt zwischen Menschen und Werwölfen verwickelt, durch den noch viel mehr auf dem Spiel steht als sein eigenes Leben und das der Menschen, die er liebt.
Zudem trifft er die Frau wieder, die er verloren geglaubt hatte – und droht, sie wieder zu verlieren, doch diesmal für immer.
In einer Jagd durch die Wälder der Franche-Compté muss Jean-François zusammen mit dem mit einem Aztekenschwert bewaffneten Pariser Anatomen Donatien seinem schlimmsten Albtraum gegenübertreten ...

LESEPROBE:
  
Paris am 28. Juni des Jahres 1560
Obwohl Jean-François seine Mutter nicht liebte, wünschte er ihr einen baldigen Tod. Um diesem beizuwohnen, wie es ihr letzter Wunsch gewesen war, befand er sich inmitten der Menschenmenge auf dem Place de Grève.
Gedämpft drangen die Rufe des Volkes an sein Ohr.
»Mörderin!«
»Giftmischerin!«
»Hure!«
Über die züngelnden Flammen hinweg starrte er zu seiner Mutter. Todgeweiht stand Suzette in der Feuersbrunst des Scheiterhaufens. Schmerzverzerrt war ihr Gesicht, Schweiß rann über ihre Stirn. Ihr Haupt hielt sie, trotz der Beschimpfungen und der Schmerzen, erhoben. Das lange, rotblonde Haar wehte wie eine Flamme im Wind.
»Ich verfluche dich, Volk von Paris …« Suzettes schmerzbebende Stimme schwoll an zu einem Kreischen, als ihre Haut unter der Hitze aufplatzte. Das schmucklose Hurengewand war längst dahin. Ihr letzter Schrei verhallte und wich einer gespenstischen Stille, einzig unterlegt vom Knistern des Feuers und dem Raunen der Menge.
Ein letztes Mal sah Jean-François in die Augen seiner Mutter, er erkannte sie aber nicht mehr darin. Nur Leere starrte ihm entgegen. Ihr Kopf sank vornüber. Die Flammen ergriffen ihr Haar, schwarz ließen sie es zurück. Die Ruine ihres Leibes gab die Seele frei in einem Feuerschwall, als fahre sie damit geradewegs zur Hölle.
Die Luft war schwer vom Geruch verbrannten Fleisches, ihres Fleisches, dem er einst entsprungen war. Blut von seinem Blut, das jetzt verdampfte. Suzettes Knochen platzten mit einem Knacken.
Ein Windstoß stob ihre Asche über den Platz. Etwas davon streifte Jean-François Gesicht wie eine letzte Berührung aus dem Jenseits. Ihr Sterben hatte nur wenige Minuten gedauert, doch erschienen ihm diese wie eine Ewigkeit – eine Vergangenheit, die ständige Gegenwart sein würde in seinen Albträumen. Er hielt ein Taschentuch vor die Nase, nicht nur, um den Geruch verbrannten Fleisches daraus zu verbannen, sondern auch, um heimlich eine Träne damit abzuwischen.
Da ein Würgen hinter ihm erklang, wandte er sich um. Er sah den dunklen Schopf Juliettes, der fillette de joie, die seit drei Jahren im Bordell seiner Mutter arbeitete. Über den Rinnstein gebeugt gab sie ihre letzte Mahlzeit von sich. Kontraktionen schüttelten ihren Leib. Jean-François umfing sie von hinten, damit sie nicht vornüberkippte. Ihr Körper fühlte sich schmal in seinen Armen an, so zerbrechlich. Sie würgte, bis Galle kam, während er gegen seine eigene Übelkeit ankämpfte. Er lenkte sich ab, indem er ihr Haar betrachtete, das schimmerte wie Rabengefieder und nach würzigen Blumen duftete.
Endlich war es vorüber. Er ließ von ihr ab und reichte ihr seinen Arm, auf den sie ihre Hand legte.
»Danke«, sagte sie mit bebender Stimme.
»Lass uns gehen.« Sanft umfasste er ihren Arm und zog sie mit sich.
Juliette sah ihn traurig von der Seite an. »Wie hast du es nur ausgehalten?«
Jean-François hob die Schultern. »Was sie dort verbrannten, besaß schon lange keine Seele mehr.« Seine Stimme klang so leer, wie er sich fühlte.
Jeanette schwieg, was ihm recht war. Er wollte nicht mehr über Suzette reden, weder über ihren Tod noch sein Leben, das er nur dem Versagen eines ihrer Abtreibungstränke verdankte. Letzteres war der Grund für Suzettes Tod, denn ein Mädchen war daran gestorben. Das Blut, das die ungewollte Frucht hatte ausstoßen sollen, hörte nicht mehr auf zu fließen und nahm ihr Leben mit sich.
Schweigend lief Jean-François neben Juliette die verwinkelten Straßen entlang. Am östlichen Himmel erblickte er die Bastille, die Verteidigungszwecken dienende Stadttorburg. Acht Zinnentürme besaß sie. Jeder davon trug einen Namen. Einer hieß Freiheit. War sie nur ein Wort, so wie der Mensch nur Asche im Wind war? Der Turm geriet aus seinem Blickfeld, aber nicht aus seinen Gedanken.
Sie bogen ab in die Rue Froit-Mantel, wo sich Suzettes Bordell befand. Davor war ein Garten angelegt worden, in dem Suzette an so manchen Sommernachmittagen auf ihrer Bank gesessen hatte, die jetzt alt und nutzlos dortstand, das Holz rissig von der Zeit. All die Rosen, der Lavendel und die Hyazinthen blühten noch, doch von den Händen, die sie einst gepflanzt hatten, war nur ein Häufchen Asche übrig, weniger als die Erde unter ihren Wurzeln.
Menschen hatten sich vor dem Bordell zusammengerottet. Es war nicht das erste Mal, doch sahen sie stets gleich aus, wie eine graue, gesichtslose Masse wütenden Mobs. Christliche Fanatiker waren sie, zehn an der Zahl. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er einen von ihnen als seinen und Marguerites Freier. Gelegentlich hatte jener sie sogar beide gleichzeitig gebucht, der jetzt die Moralkeule schwang.
Ein Weib aus der Menge hob ihren dürren Arm und deutete auf Jean-François. »Da kommt der sittenlose Sohn der Mörderin.« Ihr Gekeif schmerzte in seinen Ohren.
»Hexensohn! Teufelsbrut!«, schrie ein Mann, offenbar ihr Anführer, aus der Meute heraus.
Jean-François lief an ihnen vorbei, ohne sie zu beachten.
»Die Katholiken werden immer extremer«, sagte Juliette leise.
Er hob gleichgültig die Achseln. »Er hat Recht. Auch ich hätte es Suzette zugetraut, es mit dem Leibhaftigen zu treiben. Vielleicht ist er ja tatsächlich mein Vater.«
»Du solltest das nicht zu leicht nehmen.« Juliette trat vor ihm durch die Eingangstür des Bordells. Der Duft ihres Haares wehte an ihm vorüber wie die Erinnerung an den Frühling.
»Hexensohn! Teufelsbrut!«, wiederholte der Mann aus der Menge die Worte. Juliette sah Jean-François besorgt an.
Er schloss die Bordelltür hinter ihnen. »Keine Sorge, Juliette. Die beruhigen sich wieder. In spätestens zwei Wochen nennen sie mich wieder nur noch Sodomit und Hurensohn.«

Jean-François’ Augen gewöhnten sich langsam an das Dämmerlicht im Bordell seiner Mutter. Alles war in den verschiedensten Schattierungen von Rot gehalten, so als beträte man die Hölle. Juliette verschwand in einer der hinteren Kammern. Jean-François erkannte die Umrisse Estelles, der ältesten Hure des Hauses. Zu seinem Erstaunen war auch Émile hier, Suzettes selten anwesender Ehemann. Sein Vater war er nicht. Tausend Väter hatte er und doch keinen.
»Dies ist keine Taverne. Ich habe anderes zu tun, als dich zu bewirten.« Estelles rauchige Stimme füllte den ganzen Raum. Zornbebend stand sie dicht vor dem Tisch, an dem Émile saß. Der kraulte seinen dunkelblonden Bart.
Émile schob der alten Hure seinen Krug entgegen. »Ich bin der Chef in diesem boui-boui und du hast zu tun, was ich dir sage. Bring mir endlich mehr Wein, Weib, aber nicht wieder diesen Beaujolpif. Der schmeckt wie Pferdepisse.«
Jean-François hob eine Augenbraue. »So schnell, wie du die beiden Fässer geleert hast, scheinst du dem Geschmack von Pferdepisse sehr zugetan zu sein.«
Hass stand in Émiles Blick. »Werde nicht frech, chiard. Ich bin hier der Herr im Haus.«
Wut stieg in Jean-François auf. Nur ungern ließ er sich mit Schimpfwörtern titulieren, schon gar nicht von Émile.
»Herr im Haus?«, fragte Estelle. »Du kommst und gehst, verschwindest über Wochen, nur um irgendwann wieder aufzutauchen. Ein Hausherr führt sich anders auf.«
Émile ignorierte sie. Er wandte sich stattdessen Jean-François zu. »Und du? Dir macht es nichts aus? Du gehst hin und siehst zu, wie sie Suzette verbrennen, und es ist dir gleichgültig.«
»Ich habe es ihr versprochen.«
»Pah! Welch seltsames Versprechen. Wenn du sie geliebt hättest, so hättest du ihr dies erspart und sie in Erinnerung behalten, wie sie war. Mir jedenfalls war sie nicht gleichgültig.« Émile griff nach der Flasche, um nachzuschenken, doch Jean-François nahm sie ihm weg. »Geh in deine Kammer, bevor die Kunden kommen.«
»Das ist meine Flasche. Gib sie mir wieder. Ich lasse mich von keiner Hure herumkommandieren.«
»Eine Hure, die deinen Lebensunterhalt für dich verdient.«
Émile wollte sich die Flasche nehmen, aber Jean-François zog sie weiter zurück. »Werde nicht frech, sondern gib mir die Flasche!«
»Du bekommst sie, aber erst, wenn du die Haupträume verlassen hast.«
Alkoholatem wehte Jean-François entgegen, als Émile aufsprang. »Du hast mir gar nichts zu sagen, chiard
»Dann verlasse ich euch. In der Rue Champ-Flory ist sicher ein Plätzchen für mich frei.« Die Rue Champ-Flory war die berüchtigtste Straße von Paris für männliche Prostituierte.
Estelle trat näher zu ihnen. »Geh bitte nach hinten, Émile. Die Kunden kommen bald«, sagte sie.
Zu Jean-François’ Erstaunen wankte Émile tatsächlich durch den Flur in Richtung seines Hinterraumes. Vor der Tür wandte er sich um. »Ich gehe heute, für Suzette; weil ihr Todestag ist und ich nicht so herzlos bin wie du. Nur für sie tue ich es, chiard, nur für Suzette. Sie hätte dich ertränken sollen, als du noch ein Balg warst.« Émile wartete keine Antwort ab, sondern schlug die Tür hinter sich zu.
Jean-François betrat ebenfalls seinen Raum. Nur wenige Möbel besaß er. Der einzige Zierrat bestand aus Suzettes Wandbehängungen aus gefärbtem Leder. Ein schmales Bett, ein Tisch, ein Stuhl und eine Truhe aus dunklem Holz standen im Raum. Bisher hatte er keinen Bedarf gesehen, sein Zimmer in diesem Bordell zu einem wirklichen Zuhause zu machen. Es gab keinen Ort, der ihn würde halten können. Unabhängig und frei war er.
Jean-François öffnete die Truhe. Sie enthielt nur ein paar Kleidungsstücke und zwei Decken. Neben seinen Schreibutensilien auf dem Tisch, ein paar Büchern und etwas Winterkleidung, die sich in Suzettes Haus in der Rue des Rats befand, waren sie seine einzigen Habseligkeiten. Er begann zu packen, denn er gehörte nicht zu den Leuten, die leere Worte ausstießen.
Er fuhr herum, als die Tür aufschwang und jemand hereintrat. Estelle stand dort. Eine Sorgenfalte zog sich über ihre Stirn. Aus steingrauen Augen, die bereits zu viel gesehen hatten, blickte sie ihn an. »Bitte geh nicht fort.«
»Was sollte mich noch hier halten? Soll ich wirklich seinen Wein mit meinem Leib bezahlen?«
»Das verlangt niemand von dir.«
»Ach, non? Du hast gehört, dass der Laden jetzt sein Eigentum ist.«
»Das glaube ich nicht. Suzette hätte dich niemals so verraten.«
Niemals verraten? Suzette hatte ihn bereits verraten, bevor er geboren wurde, aber offenbar wollte Estelle dies verdrängen. »Bist du dir dessen so sicher?«
»Gewiss, Suzette war unberechenbar, doch dir und deiner Schwester steht ein Pflichtteil zu. Émile kann gar nicht alles gehören.«
»Suzette hat uns alle schon vor Jahren eine Pflichtteilsverzichtserklärung unterschreiben lassen.«
Estelle starrte ihn ungläubig und fassungslos an. »Sie hat was? Warum?«
Er hob die Achseln. »Woher soll ich wissen, welcher Teufel sie da wieder geritten hat?«
»Nein, ich fragte, warum du so was unterschrieben hast.«
»Warum sollte ich mich verrückt machen über ihre Launen? Soll sie den Puff vererben, an wen sie will. Schließlich gehörte er ihr.«
Estelle sah ihn skeptisch an. »Warte die Testamentseröffnung ab. Suzette wird dich nicht vergessen haben. Émile regt sich so auf, weil du nur sein Stiefsohn ist, was einen Nießbrauch zu seinen Gunsten unmöglich macht.«
»Ich halte ohnehin überhaupt nichts von Nießbräuchen. Da soll er lieber gleich alles haben, anstatt aller Rechte, während ich die meisten Pflichten trage. Non, non, nicht mit mir. Ich werde Madame Piedeleu noch heute nach einer neuen Arbeit für mich fragen.«
»Überstürze nichts. Du weißt, dass ich mit Émile nicht gut zurechtkomme. Lass mich nicht mit ihm allein. Ich bin zu alt, um noch mal von vorn anzufangen. Außerdem hast du Suzette versprochen, das Bordell weiterzuführen. Oder hast du dies vergessen?«
Jean-François biss sich auf die Unterlippe. Der düstere Abend, an dem sie Suzette ins Gefängnis Grand Châtelet gebracht hatten, war ihm unauslöschlich in Erinnerung geblieben. Sie flehte nicht, sie bettelte nicht. Einzig ein Versprechen nahm sie ihrem einzigen überlebenden Sohn ab. Aber bei ihr wusste man nie. Er vertraute keiner Frau, die ihn als Kind hatte ersäufen wollen. Schlimm genug, dass er so weichherzig war, dass sie ihm überhaupt ein Versprechen hatte abringen können.
Er nickte. »Also gut, solange alles ungeklärt ist, bleibe ich bei euch.«
»Merci, Jean-François. Wusste ich es doch, dass du mich nicht hängen lässt.«
»Danke mir nicht zu früh. Wenn Émile das Haus gehört, bin ich schneller weg, als du furzen kannst. Meinetwegen vererbt sie das Bordell an die Kirche, doch unter Émile arbeite ich nicht.«
»Er wird ohnehin bald wieder verschwinden und sich irgendwo rumtreiben. Du musst nicht befürchten, mit ihm jeden Tag zusammen sein zu müssen.«
Jean-François nickte. »Genau das ist eine der Schwierigkeiten, die ich mit ihm habe. Er treibt sich wochenlang rum und taucht dann irgendwann wieder hier auf, um den Chef raushängen zu lassen. Mit unseren alltäglichen Sorgen lässt er uns aber allein.«
»Ich weiß auch nicht, warum Suzette es sich gefallen ließ. Jemand anderes hätte dies nicht mit ihr tun können.«
»Die Liebe geht manchmal seltsame Wege«, sagte Jean-François.
»Immerhin ist er Célestes Vater.«
»Aber nicht der meine, und dass er Célestes Vater sei, dem wäre ich mir nicht so sicher. Zumindest hinsichtlich ihres Wesens hat sie gottlob nichts von ihm geerbt.«
»Besser, wir lassen ihn in dem Glauben, sie sei seine Tochter.«
Er hob die Schultern. »Hier besteht ohnehin alles aus Lügen. Auf eine weitere kommt es auch nicht mehr an.«

Am nächsten Abend
Die Nacht war noch jung, als Jean-François die Rue de la Lingerie entlangschritt. Das Mondlicht und die Kerzen hinter den Fensterscheiben vermochten die Dunkelheit nicht zu vertreiben. Er bewegte sich mit ebensolcher Sicherheit wie bei Tage. Nicht umsonst hatte er sein ganzes Leben in Paris verbracht. Auch bei Nacht kannte er seinen Teil der Stadt auswendig.
Jean-François war auf dem Weg zu Suzettes Grab. Er trug eine Friedhofsvase mit sich, die einst seiner Mutter gehört hatte. Darin befanden sich Schwertlilien, ihre Lieblingsblumen. Sie entließen ihren zarten, pudrigen Veilchenduft in die Nacht.
Die Geräusche der Stadt erschienen ihm fern, als er den Cimetière des Innocents betrat. Dunkel war es hier und still bis auf das Plätschern des Wassers, das die Kaskaden des Fontaines des Innocents herablief. Jean-François beugte sich über den Brunnen, um die Vase zu befüllen. Er mochte das Gefühl des kühlen Wassers, wie es über seine Hände lief. Es prickelte auf seiner Haut. Zudem lenkte es ihn von dem hier allgegenwärtigen Verwesungsgestank ab. Dieser drang aus den Massengräbern, wo die Erde bereits höher war als die nahe Straße.
Jean-François lief durch die Reihen der Gräber. Von Hunden ausgegrabene Schädel und Knochen glommen im Mondlicht. Zumindest dieses Schicksal blieb Suzette erspart, denn von ihr war nichts mehr übrig als Asche. Die Erinnerung an ihre Hinrichtung war noch zu frisch. Lebhaft drängten sich die Bilder in seinen Geist. Jean-François konzentrierte sich auf die Kühle der Vase in seiner Hand. Endlich erreichte er das Massengrab, in dem die Überreste seiner Mutter beigesetzt worden waren in einer Urne, die so schmucklos war wie ihre Hurengewänder einst.
Die Vase stellte er auf die ebenste Stelle des Grabes. Der blumig-frische Veilchenduft durchdrang die Luft und maskierte den Gestank, der aus den Gräbern kroch. Das Mondlicht verlieh den weißen Blüten einen bläulichen Schimmer. Einen Moment blieb Jean-François vor dem Grab stehen, doch er verspürte nichts für die Frau, deren Überreste hier vergraben lagen. So ging er wieder. Dies war kein Ort für Lebende, nicht einmal einer für Tote. Hier wollte er nicht enden. Möge man seine Asche in alle Winde verstreuen.
Er verließ diesen Ort und folgte der Rue des Innocents. Auch hier war die Nacht undurchdringlich und die stechenden Gerüche des Friedhofs wogten über die Straße. Instinktiv spürte er die Gefahr.