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Freitag, 25. November 2011

Wolfsmondnacht - endlich als ePub und Mobi bei Beam eBooks

Für 3,99 EUR im Shop von Beam eBooks ist endlich auch der Urban-Fantasy-Roman Wolfsmondnacht (450 Normseiten) erhältlich: http://www.beam-ebooks.de/ebook/23204 (ePub und Mobi).

Wem "Ritus" und "Sanctum" von Markus Heitz gefallen hat, dem könnte auch dieses Werk zusagen.

Für den Kindle gibt es den Roman schon: http://www.amazon.de/Wolfsmondnacht-ebook/dp/B00633OTBE/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1322215186&sr=8-1




Zwei Liebesgeschichten habe ich in diesen Urban-Fantasy-Roman reingemogelt, aber natürlich nur diskret. ;-) Aber bei 450 Seiten war das auch nicht so schwer.


Nachstehend der KLAPPENTEXT:

Urban Fantasy mit starkem, sorgfältig recherchierten historischen Hintergrund.

Paris 1560
Nach dem Scheiterhaufentod seiner Mutter führt Jean-François deren Bordell in Paris weiter. Als er in einem Vampir umgewandelt wird und sich in diesen neuen Zustand anfangs nicht unter Kontrolle hat, muss er die Stadt verlassen.
Nun heimatlos geworden, bedroht ihn ein Unbekannter. Zudem gerät er unter Mordverdacht und soll ins Gefängnis.
Auch seine Schwester in Dôle schwebt in Gefahr, als es in der Franche-Compté zu grauenvollen Mordfällen und Werwolfprozessen kommt. Aufgrund ihrer Abstammung sieht sie sich Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Tochter muss sich hingegen noch ganz anderen Gefahren stellen, die nicht nur von außen kommen ...
Wird Jean-François rechtzeitig kommen, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren?
Als würde er nicht bereits bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken, sieht er sich in Dôle in einen eskalierenden Konflikt zwischen Menschen und Werwölfen verwickelt, durch den noch viel mehr auf dem Spiel steht als sein eigenes Leben und das der Menschen, die er liebt.
Zudem trifft er die Frau wieder, die er verloren geglaubt hatte – und droht, sie wieder zu verlieren, doch diesmal für immer.
In einer Jagd durch die Wälder der Franche-Compté muss Jean-François zusammen mit dem mit einem Aztekenschwert bewaffneten Pariser Anatomen Donatien seinem schlimmsten Albtraum gegenübertreten ...


Eine LESEPROBE:

Kapitel 1
 

 

Paris am 28. Juni des Jahres 1560
Obwohl Jean-François seine Mutter nicht liebte, wünschte er ihr einen baldigen Tod. Um diesem beizuwohnen, wie es ihr letzter Wunsch war, stand er inmitten der Menschenmenge auf dem Place de Grève.
Gedämpft drangen die Rufe des Volkes an sein Ohr.
»Mörderin!«
»Giftmischerin!«
»Hure!«
Über die züngelnden Flammen hinweg starrte Jean-François zu seiner Mutter. Todgeweiht stand Suzette in der Feuersbrunst des Scheiterhaufens. Schmerzverzerrt war ihr Gesicht. Schweiß rann über ihre Stirn. Ihr Haupt hielt sie, trotz der Beschimpfungen und der Schmerzen, erhoben. Ihr langes rotblondes Haar wehte wie eine Flamme im Wind.

»Ich verfluche dich, Volk von Paris …« Suzettes schmerzbebende Stimme schwoll an zu einem Schrei, als ihre Haut unter der Hitze aufplatzte. Ihr schmuckloses Hurengewand war längst dahin. Ihr letzter Schrei verhallte und wich einer gespenstischen Stille, einzig unterlegt vom Knistern des Feuers und dem Raunen der Menge.

Ein letztes Mal sah Jean-François in die Augen seiner Mutter, doch erkannte er sie nicht mehr darin. Nur Leere starrte ihm entgegen. Ihr Kopf sank vornüber. Die Flammen ergriffen ihr Haar, schwarz ließen sie es zurück. Die Ruine ihres Leibes gab ihre Seele frei in einem Feuerschwall, als fahre sie damit geradewegs zur Hölle.

Die Luft war schwer vom Geruch verbrannten Fleisches, ihres Fleisches, dem er einst entsprungen war. Blut von seinem Blut, das jetzt verdampfte. Suzettes Knochen platzten mit einem lauten Knacken.
Ein Windstoß stob ihre Asche über den Platz. Etwas davon streifte Jean-François Gesicht wie eine letzte Berührung aus dem Jenseits. Ihr Sterben hatte nur wenige Minuten gedauert, doch erschienen dieses Jean-François wie eine Ewigkeit – eine Vergangenheit, die ewige Gegenwart sein würde in seinen Albträumen. Er hielt ein Taschentuch vor seine Nase, nicht nur, um den Geruch verbrannten Fleisches daraus zu verbannen, sondern auch, um heimlich eine Träne damit abzuwischen.

Er wandte sich um, als er ein Würgen hinter sich vernahm. Er sah nur den dunklen Schopf Juliettes, der fillette de joie, die seit drei Jahren im Bordell seiner Mutter arbeitete. Sie beugte sich über den Rinnstein, um ihre letzte Mahlzeit von sich zu geben. Kontraktionen schüttelten ihren Leib. Jean-François umfing sie von hinten, damit sie nicht vornüberkippte. Ihr Körper fühlte sich schmal in seinen Armen an, so zerbrechlich. Sie würgte, bis Galle kam, während er gegen seine eigene Übelkeit ankämpfte. Er lenkte sich ab, indem er ihr Haar betrachtete, das schimmerte wie Rabengefieder und nach würzigen Blumen duftete.
Endlich war es vorüber. Er ließ von ihr ab und reichte ihr seinen Arm, auf den sie ihre Hand legte.
»Danke«, sagte sie mit bebender Stimme.

»Lass uns gehen.« Sanft umfasste er ihren Arm und zog sie mit sich.
Juliette sah ihn traurig von der Seite an. »Wie hast du es nur ausgehalten?«
Jean-François hob die Schultern. »Was sie dort verbrannten, besaß schon lange keine Seele mehr. « Seine Stimme klang so leer, wie er sich fühlte.

Jeanette schwieg, was ihm recht war. Er wollte nicht mehr über Suzette reden. Weder über ihren Tod noch über sein Leben, das er nur dem Versagen eines ihrer Abtreibungstränke verdankte, so wie Suzette ihren Tod. Ein Mädchen war daran gestorben. Das Blut, das die ungewollte Frucht hatte ausstoßen sollen, hörte nicht mehr auf zu fließen und nahm das Leben des Mädchens mit sich.

Schweigend lief Jean-François neben Juliette die verwinkelten Straßen entlang. Am östlichen Himmel erblickte er die Bastille, die Verteidigungszwecken dienende Stadttorburg. Acht Zinnentürme besaß sie. Jeder davon trug einen Namen. Einer hieß Freiheit. War sie nur ein Wort, so wie der Mensch nur Asche war? Der Turm geriet aus seinem Blickfeld, doch nicht aus seinen Gedanken.

Sie bogen ab in die Rue Froit-Mantel, wo sich Suzettes Bordell befand. Davor war ein Garten, in dem Suzette an Sommernachmittagen gelegentlich auf ihrer Bank gesessen hatte. Die Bank stand noch. Niemand benutzte sie mehr. All die Rosen, der Lavendel und die Hyazinthen blühten noch, doch von den Händen, die sie einst pflanzten, war nur ein Häufchen Asche übrig, weniger als die Erde unter ihren Wurzeln.

Menschen hatten sich vor dem Bordell zusammengerottet. Es war nicht das erste Mal, doch sie sahen stets gleich aus. Zehn Personen waren es - ein grauer Haufen ohne Gesicht. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er einen von ihnen als seinen und Marguerites Freier. Gelegentlich hatte er sie sogar gleichzeitig gebucht.

Ein Weib aus der Menge hob ihren dürren Arm und deutete auf Jean-François. »Da kommt der sittenlose Sohn der Mörderin.« Ihr Gekeif schmerzte in seinen Ohren.
»Hexensohn! Teufelsbrut!«, schrie ein Mann, offenbar ihr Anführer, aus der Menge heraus.
Jean-François lief an ihnen vorbei, ohne sie weiter zu beachten.

»Die Katholiken werden immer extremer«, sagte Juliette leise.
Jean-François hob gleichgültig die Achseln. »Er hat recht. Auch ich hätte es Suzette zugetraut, es mit dem Leibhaftigen zu treiben. Vielleicht ist er ja tatsächlich mein Vater.«
»Du solltest das nicht zu leicht nehmen.« Juliette trat vor ihm durch die Eingangstür des Bordells. Der Duft ihres Haares wehte an ihm vorüber wie die Erinnerung an den Frühling.

»Hexensohn! Teufelsbrut!« wiederholte der Mann aus der Menge. Juliette sah Jean-François besorgt an.
Er schloss die Bordelltür hinter sich. »Keine Sorge, Juliette. Die beruhigen sich wieder. In spätestens zwei Wochen nennen sie mich wieder nur noch Sodomist und Hurensohn.«

Jean-François’ Augen gewöhnten sich langsam an das Dämmerlicht im Bordell seiner Mutter. Alles war in den verschiedensten Schattierungen von Rot gehalten, als beträte man die Hölle. Juliette verschwand in einer der hinteren Kammern. Jean-François erkannte die Umrisse Estelles, der ältesten Hure des Hauses. Zu seinem Erstaunen war auch Émile hier, der selten zugegene Ehemann seiner Mutter. Sein Vater war er nicht. Tausend Väter hatte er und doch keinen.

»Dies ist keine Taverne. Ich habe anderes zu tun, als dich zu bewirten.« Estelles rauchige Stimme füllte den ganzen Raum. Zornbebend stand sie dicht vor dem Tisch, an dem Émile saß. Dieser kraulte seinen dunkelblonden Bart.

Émile schob Estelle seinen Krug entgegen. »Ich bin der Chef hier in diesem boui-boui und du hast zu tun, was ich dir sage. Bring mir endlich mehr Wein, Weib, doch nicht wieder diesen Beaujolpif. Der schmeckt wie Pferdepisse.«

Jean-François hob eine Augenbraue. »So schnell, wie du die beiden Fässer geleert hast, scheint dir der Geschmack von Pferdepisse sehr zu munden.«
Wut stand in Émiles Blick. »Werde nicht frech, chiard. Ich bin hier der Herr im Haus.«
Wut stieg in Jean-François auf. Nur ungern ließ er sich mit Schimpfwörtern titulieren, schon gar nicht von Émile.
»Herr im Haus?«, fragte Estelle. »Du kommst und gehst, verschwindest über Wochen, nur um irgendwann wieder aufzutauchen. Ein Hausherr führt sich anders auf.«
Émile ignorierte sie. Er wandte sich stattdessen zu Jean-François. »Und du? Dir macht es nichts aus? Du gehst hin und siehst zu, wie sie Suzette verbrennen und es ist dir gleichgültig.«
»Ich habe es ihr versprochen.«
»Pah! Seltsames Versprechen. Wenn du sie geliebt hättest, so hättest du ihr dies erspart und sie in Erinnerung behalten, wie sie war. Mir jedenfalls war sie nicht gleichgültig.« Émile griff nach der Flasche, um nachzuschenken, doch Jean-François nahm sie ihm weg. »Geh in deine Kammer, bevor die Kunden kommen.«
»Das ist meine Flasche. Gib sie mir wieder. Ich lasse mich von keiner Hure herumkommandieren.«
»Eine Hure, die deinen Lebensunterhalt für dich verdient.«
Émile griff nach der Flasche, doch Jean-François zog sie weiter zurück. »Werde nicht frech, sondern gib mir die Flasche!«
»Du bekommst sie, doch erst, wenn du die Haupträume verlassen hast.«
Alkoholatem wehte Jean-François entgegen, als Émile aufsprang. »Du hast mir gar nichts zu sagen, chiard
»Dann gehe ich. In der Rue Champ-Flory ist sicher ein Plätzchen für mich frei.« Die Rue Champ-Flory war die berüchtigtste Straße von Paris für männliche Prostituierte.
Estelle trat näher zu ihnen. »Geh bitte nach hinten, Émile. Die Kunden kommen bald«, sagte sie.
Zu Jean-François’ Erstaunen wankte Émile tatsächlich durch den Flur in Richtung seines Hinterraumes. Vor der Tür wandte er sich um. »Ich gehe für heute; für Suzette; weil ihr Todestag ist und ich nicht so herzlos bin wie du. Nur für sie tue ich es, chiard, nur für Suzette. Sie hätte dich damals ertränken sollen.« Émile wartete keine Antwort ab, sondern schlug die Tür hinter sich zu.
Jean-François betrat ebenfalls seinen Raum. Nur wenige Möbel besaß er. Der einzige Zierrat bestand aus Suzettes Wandbehangungen aus gefärbtem Leder. Ein schmales Bett, ein Tisch, ein Stuhl und eine Truhe aus dunklem Holz standen im Raum.
Bisher hatte er keinen Bedarf gesehen, sein Zimmer in diesem Bordell zu einem wirklichen Zuhause zu machen. Es gab keinen Ort, der ihn würde halten können, sollte es ihn woandershin ziehen. Unabhängig und frei war er.

Er öffente die Truhe. Sie enthielt nur ein paar Kleidungsstücke und zwei Decken. Neben seinen Schreibutensilien auf dem Tisch waren sie seine einzigen Habseligkeiten. Er machte sich daran, zu packen, denn er gehörte nicht zu den Leuten, die leere Worte ausstießen.

Er fuhr herum, als die Tür aufschwang und jemand hereintrat. Estelle stand dort. Eine Sorgenfalte zog sich über ihre Stirn. Aus steingrauen Augen, die bereits zu viel gesehen hatten, sah sie ihn an. »Bitte geh nicht fort.«

»Was sollte mich noch hier halten? Soll ich wirklich seinen Wein mit meinem Leib bezahlen?«

»Das verlangt niemand von dir.«

»Ach, nein? Du hast es doch gehört, dass der Laden jetzt ihm gehört.«

»Das glaube ich nicht. Suzette hätte dich niemals so verraten.«

Niemals verraten? Suzette hatte ihn verraten, kaum dass er geboren war, aber offenbar wollte Estelle dies verdrängen. »Bist du dir dessen so sicher?«

»Gewiss, Suzette war unberechenbar, doch dir und deiner Schwester steht ein Pflichtteil zu. Émile kann gar nicht alles gehören.«

»Suzette hat uns alle vor Jahren einen Pflichtteilsverzicht unterschreiben lassen.«

Estelle starrte ihn ungläubig und fassungslos an. »Sie hat was ? Warum?«

Er hob die Achseln. »Woher soll ich wissen, welcher Teufel sie da schon wieder geritten hat?«

»Nein, ich fragte, warum du so was unterschrieben hast.«

»Warum sollte ich mich verrückt machen über ihre Launen? Soll sie den Puff vererben an wen sie will. Schließlich gehörte er ihr. Meinetwegen hat sie ihn der Kirche vermacht.«

Estelle sah ihn skeptisch an. »Die würden sich freuen.«

»Das gibt viele Steuereinnahmen.«

»Warte die Testamentseröffnung ab. Suzette wird dich nicht vergessen haben. Émile regt sich so auf, weil du nur sein Stiefsohn ist, was einen Nießbrauch zu seinen Gunsten unmöglich macht.«

»Ich halte ohnehin überhaupt nichts von Nießbrauch. Da soll er lieber gleich alles haben, anstatt aller Rechte, während ich die meisten Pflichten trage. Non, non, nicht mit mir. Ich werde Madame Piedeleu noch heute nach einem neuen Arbeitsort für mich fragen.«

»Überstürze nichts. Du weißt, dass ich mit Émile nicht gut zurechtkomme. Lass mich nicht mit ihm allein. Ich bin zu alt, um nochmal neu anzufangen. Außerdem hast du Suzette versprochen, das Bordell weiterzuführen, schon vergessen?«

Jean-François biss sich auf die Unterlippe. Der düstere Abend, an dem sie Suzette ins Gefängnis Grand Châtelet gebracht hatten, war ihm unauslöschlich in Erinnerung geblieben. Sie flehte nicht. Sie bettelte nicht. Einzig ein Versprechen nahm sie ihm, ihren einzigen überlebenden Sohn, ab.

Doch bei ihr wusste man nie. Er vertraute keiner Frau, die ihn als Kind hatte ersäufen wollen. Schlimm genug, dass er so weichherzig war, dass sie ihm ein Versprechen hatte abringen können. »Also gut, solange alles ungeklärt ist, bleibe ich bei euch.«

»Merci, Jean-François. Wusste ich es doch, dass du mich nicht hängen lässt.«

»Danke mir nicht zu früh. Wenn Émile das Haus gehört, bin ich schneller weg, als du furzen kannst. Meinetwegen vererbt sie das Bordell an die Kirche, doch unter Émile arbeite ich nicht.«

»Er wird sowieso bald wieder verschwinden und sich sich irgendwo rumtreiben. Du musst dich nicht fürchten, mit ihm jeden Tag zusammen sein zu müssen.«

Jean-François nickte. »Genau das ist eine der Schwierigkeiten, die ich mit ihm habe. Er treibt sich wochenlang rum, doch wenn er wieder hier auftaucht, lässt er den Chef raushängen.«

»Ich weiß auch nicht, warum Suzette es sich gefallen ließ. Jemand anderes hätte dies nicht mit ihr tun können.«

»Die Liebe geht manchmal seltsame Wege«, sagte Jean-François.

»Immerhin ist er Célestes Vater.«

»Aber nicht der meine, und dass er Célestes Vater sei, dem wäre ich mir nicht so sicher. Zumindest hinsichtlich ihres Wesens hat sie gottlob nichts von ihm geerbt.«

»Besser, wir lassen ihn in dem Glauben.«

Er hob die Schultern. »Hier ist ohnehin alles Lüge. Auf eine weitere kommt es auch nicht mehr an.«


Am nächsten Abend

Die Nacht war noch jung, als Jean-François die Rue de la Lingerie entlangschritt. Das Mondlicht und die Kerzen hinter den Fensterscheiben der Häuser vermochten die Dunkelheit nicht zu vertreiben. Er bewegte sich mit ebensolcher Sicherheit wie bei Tage. Nicht umsonst hatte er sein ganzes Leben in Paris verbracht. Auch bei Nacht kannte er seinen Teil der Stadt auswendig.

Jean-François war auf dem Weg zu Suzettes Grab. Er trug eine Friedhofsvase mit sich, die einst seiner Mutter gehört hatte. Darin befanden sich Schwertlilien, die ihre Lieblingsblumen gewesen waren. Sie entließen ihren Veilchenduft in die Nacht.

Die Geräusche der Stadt erschienen ihm fern, als er den Cimetière des Innocents betrat. Dunkel war es hier und still bis auf das Plätschern des Wassers, das die Kaskaden des Fontaine des Innocents herablief. Jean-François beugte sich über den Brunnen, um die Vase zu befüllen. Er mochte das Gefühl des kühlen Wassers, als es über seine Hände lief. Es prickelte auf seiner Haut. Zudem lenkte es ihn von dem hier allgegenwärtigen Verwesungsgestank ab. Dieser drang aus den Massengräbern, wo die Erde bereits höher war als die nahe Straße.

Jean-François lief durch die Reihe der Gräber. Von Hunden ausgegrabene Schädel und Knochen glommen im Mondlicht. Zumindest dieses Schicksal blieb Suzette erspart, denn von ihr war nichts mehr übrig als Asche.

Die Erinnerung an ihre Hinrichtung war noch zu frisch. Lebhaft drängten sich die Bilder in seinen Geist. Jean-François konzentrierte sich auf die Kühle der Vase in seiner Hand. Endlich erreichte er das Massengrab, in dem die Überreste seiner Mutter beigesetzt worden waren in einer Urne, die so schmucklos war wie ihre Hurengewänder einst.

Die Vase stellte er auf die ebenste Stelle des Grabes. Der blumig-frische Veilchenduft durchdrang die Luft und maskierte den Gestank, der aus den Gräbern kroch. Das Mondlicht verlieh den weißen Blüten einen bläulichen Schimmer. Einen Moment blieb Jean-François vor dem Grab stehen, doch er verspürte nichts für die Frau, deren Überreste hier vergraben lagen. So ging er wieder. Dies war kein Ort für Lebende, es war nicht mal einmal für Tote. Hier wollte er nicht enden.

Er folgte der Rue des Innocents. Auch hier war die Nacht undurchdringlich und die stechenden Gerüche des Friedhofs wogten über die Straße. Instinktiv spürte er die Gefahr. Er sah zwei Schatten nahe der Abzweigung zur Grant Chaussée de Monseigneur Saint-Denis. Vorsichtig schlich er die Straße entlang.

Er hatte sich nicht geirrt. Ein Dolch blitzte im Mondlicht auf. Er kam rechtzeitig zu den beiden Männern, bevor der Angreifer seine Tat vollenden konnte. Dieser drehte sich überrascht um und wollte auf Jean-François einstechen. Doch dieser war aufgrund seiner Kindheit straßenkampferprobt. Geschickt wich er dem Dolch aus und schlug den Mann nieder. Die Waffe fiel klirrend zu Boden. Jean-François hob sie auf. Der Mann starrte Jean-François überrascht. Blut rann an seinem Mundwinkel herab. Er rappelte sich auf und rannte davon, als sei der Leibhaftige hinter ihm her.

Jean-François betrachtete den Angegriffenen. Er war ein kleiner Herr mit einem Spitzbart. Er war sehr blass.

»Wie fühlt Ihr Euch, Monsieur?«, fragte Jean-François.

Der Mann fuhr sich nervös mit seinen ringbesetzten Händen durch sein schulterlanges dunkles Haar.

»Wie man sich fühlt, wenn man beinahe mit aufgeschlitzter Kehle im Rinnstein gelandet wäre. Merci, Monsieur. Ihr kamt gerade noch rechtzeitig.« Der Mann zog seinen kurzen pelzverbrämten Umhang enger, als friere er. Seine Halskrause hatte Flecken vom Blut aus einer kleinen Schnittwunde an seinem Kinn. »Bonsoir, Monsieur, mein Name ist Blanchard. Ich bin neu hier in der Stadt, um Handel zu treiben.«

Jean-François reichte ihm lächelnd die Hand. »Bonsoir, Monsieur Blanchard. Die Straßen hier sind sehr unsicher in der Nacht. Ihr tätet gut daran, nicht alleine auszugehen, schon gar nicht ohne Waffe.«

»Was Ihr nicht sagt, Monsieur …«

»Merdrignac.«

»Ihr habt meinen Besitz und mein Leben gerettet, Monsieur Merdrignac. Wenn ich etwas für Euch tun kann, lasst es mich wissen.«

Jean-François lächelte. »Ihr könnt in der Tat etwas für mich tun«, sagte er und offenbarte Monsieur Blanchard seine geheimen Pläne. Dieses nächtliche Zusammenkommen war ein Glücksfall für sie beide.

Nur zwei Tage später begann Jean-François eine Lehre bei Monsieur Blanchard, eine Möglichkeit, die Suzette ihm niemals gelassen hatte. Doch er wusste, dass er nicht bis ans Ende seiner Tage eine Hure sein konnte und wollte. Jedoch hatte er in den nächsten Wochen noch einige andere Dinge zu erledigen.


6. Juli 1560

Jean-François stieg in Dôle vom Kobelwagen. Normalerweise fuhren nur Weiber, Kinder, Kranke oder Greise damit. Ein Mann reiste zu Pferde, doch solche Dinge kratzten nicht an Jean-François’ Stolz. Er hatte seine Gründe dafür, dieses Gefährt gewählt zu haben.

Lächelnd sah er seiner Schwester Céleste entgegen, die auf ihn zustürmte. Ihr Haar, so rotblond, wie das ihrer Mutter einst, wehte hinter ihr her wie eine Flamme.

»Mon frère!« Sie hauchte ihm Küsse auf beide Wangen. »Ich habe dich so vermisst. Ohne dich ist es so öde hier. Ich kenne nur die Kirche, Küche und Hausarbeit. Es ist zum Verzweifeln. Ich sterbe vor Langeweile. Wie gerne hätte ich mit dir zusammen ein aufregendes Leben in Paris.«

Jean-François erwiderte ihre Küsse nicht weniger ungestüm. »Du hättest höchstens einen aufregenden Tod in Paris und ob der so erstrebenswert wäre. Der Preis, dort zu leben, ist hoch für mich, ma chère, zu hoch. Du würdest ihn nicht bezahlen wollen.«

»Ein wenig mehr Abenteuer würde meinem Leben nicht schaden. Ich möchte Paris sehen. Ich war nicht mehr dort, seit ich ein kleines Kind war.«

»Was auch gut so ist. Die Kindersterblichkeit dort ist sehr hoch.«

Sie stemmte die Arme in die Hüften. »Ich bin kein kleines Mädchen mehr, Jean-François. Ich weiß genau, dass die hohe Kindersterblichkeit nicht der einzige Grund war, warum du mich nach Dôle hast bringen lassen.«

Er betrachtete sie nachdenklich und sah die Erkenntnis in ihren grünen Augen, die denen ihrer Mutter so ähnlich waren. Ja, sie wusste, was er war und dass Suzette aus ihr dasselbe ohne zu Zögern gemacht hätte.

Sanft küsste er Céleste auf den Mund. »Non, du bist kein Kind mehr, ma chère.« Er ließ seine Finger durch ihre goldblonden Locken gleiten. »Du bist auf dem Weg, ein Weib zu werden, ein sehr schönes Weib. Gerade deswegen ist es noch gefährlicher für dich in Paris. Tag und Nacht werden Leute auf offener Straße überfallen. Non, ma petite, hier bist du viel sicherer.« Vor allem würde es gefährlich für sie werden, wenn die Leute erfuhren, dass sie seine Schwester war. Viele dachten, die Tochter und Schwester von Huren sei dasselbe wie ihre Verwandtschaft und gingen so mit ihr um. Zudem hatte er Feinde, deren Gefährlichkeit er noch nicht genau abschätzen konnte.

»Aber ich sterbe vor Langeweile«, sagte Céleste.

»Lieber vor Langeweile sterben als an einem Messer im Herzen.«

»Aber eines Tages werde ich Paris sehen und wissen, wie du lebst.«

»Das wirst du nicht wissen wollen.«

»Ich kenne die Gerüchte.«

»Von denen viele allzu wahr sind.«

»Nichts davon schmälert meine Liebe für dich.«

Jean-François umfasste sanft ihr Gesicht und beugte sich zu ihr, sodass seine Stirn die ihre berührte. »Ich möchte dich in Sicherheit wissen.«

»Zu Mutters Bestattung hättest du mich nach Paris lassen können.«

Sie hatte ja nicht geringste Ahnung, vor was er sie beschützen wollte.

»Es war dunkel und stürmisch. Du hättest dir den Tod geholt.«

»Sie hat mich so selten besucht und jetzt ist sie tot. Ich kannte sie kaum.« Eine Träne rann über Célestes Wange.

»Scht. Du wirst doch um dieses Weib nicht weinen.«

»Aber bedeutet es dir denn gar nichts, dass sie tot ist?«

Jean-François starrte sie an. Was bedeutete ihm Suzette? Sie war der Grund, warum er seit seiner frühesten Kindheit seinen Körper verkaufte. Wenn er an sie dachte, spürte er nur Leere in sich.

»Ich weiß es nicht«, sagte er.

»Trotzdem war sie unsere Mutter. War er da?«

»Wer?«

»Unser Vater.«

Jean-François verspannte sich. »Du meinst Émile? Wir haben keinen Vater, hatten niemals einen.«

»War er da?« Ungeduld lag in Célestes Worten.

»Bei der Bestattung, doch nicht bei ihrer Hinrichtung.«

»Wie starb sie?«

»Es war nicht schön, ma petite. Sei froh, dass du nicht dabei warst.«

»Sie wurde verbrannt, nicht wahr? Hier in Dôle machen sie es nicht anders. Du ahnst gar nicht, wie viele Leute sie schon als Hexen oder Werwölfe verbrannt haben. Sie veranstalten eine Jagd nach der anderen und misstrauen allem, was anders oder fremd ist. Manchmal habe ich selbst Angst, weil ich Halbfranzösin bin, und hier Gerüchte über Suzette im Umlauf sind.« Sie seufzte.

Nur zu gut wusste Jean-François, dass seine Mutter damals bei ihrer Familie in Ungnade gefallen war, als sie mit Émile nach Paris durchgebrannt war.

Céleste sah ihn nachdenklich an. »Es macht dir wirklich nichts aus, dass unsere Mutter tot ist, oder?«

Jean-François spürte Ungeduld in sich aufsteigen. »Ich weiß es nicht, ma petite. Ich spüre gar nichts. Das sagte ich doch bereits.« Er wagte es nicht, vor ihr zuzugeben, dass er am ehesten noch Erleichterung über ihren Tod verspürte. Dass seine Mutter ihn als Kind ersäufen wollte und er jahrelang mit Todesangst und Erstickungsanfällen aus dem Schlaf hochgeschreckt war, hatte er seiner kleinen Schwester nicht erzählt und würde dies auch niemals tun. Dafür liebte er sie zu sehr. Es reichte, wenn er völlig desillusioniert war.

Glücklicherweise wandte Céleste sich von ihm ab. »Das kann man gar nicht nicht wissen. Manchmal verstehe ich dich einfach nicht. Lass uns jetzt hineingehen.«

»Gleich. Ich muss mich zuerst um die Pferde kümmern.«

»Ich helfe dir.« Sie trat zu ihm. Ihr Blick wanderte über den Kobelwagen. »Wo hast du dieses Gefährt aufgetrieben? Es sieht aus, als würde es jeden Moment auseinanderbrechen.«

»Den Eindruck hatte ich beim Fahren auch. Ich habe ihn von einer Brauerei ausgeliehen, um etwas von Suzette für dich zu transportieren.«

»Von Suzette? Was denn?« Neugierig beäugte sie die Truhe auf dem Kobelwagen.

Er hob die Schultern. »Weiß ich nicht. Eine Leiche ist nicht drin. Die würde jetzt schon stinken.«

Céleste boxte ihn in die Seite. »Du bist unmöglich. Los, jetzt an die Arbeit!«

Sie kümmerten sich gemeinsam um die Pferde und gingen anschließend ins Haus.

»Tante Camille schläft schon?«, fragte Jean-François. Nicht, dass er besonders angetan wäre über ihre Gesellschaft.

Céleste nickte. »Sie hatte heute wieder ihre Migräne. Aber vielleicht ist es schon besser. Ich kann sie fragen, ob sie mal rausschaut, wenn du sie so vermisst.«

»Non, non, kein Bedarf. Maure lieber ihre Tür zu. Du kannst sie wieder rauslassen, sobald ich Dôle verlassen habe.«

Céleste zog einen Schmollmund. »So schlimm ist sie nun auch wieder nicht. Darf ich dir etwas anbieten?«

»Danke. Ein wenig Brot und Suppe, bitte.« Céleste brachte ihm das Gewünschte und setzte sich ihm gegenüber. Er gähnte.

Céleste betrachtete ihn besorgt. »Hab ich dir zu starkes Bier gegeben?«

»Non, ob du es glaubst oder nicht: Die Reise war sehr beschwerlich.«

»Du bist nicht mehr der Jüngste. Möchtest du zu Bett? Ich kann dir Tante Camilles Salbe gegen Rückenschmerzen geben.«

»Ich bin gerade mal zwanzig. Komm du erstmal in mein Alter.«

»Möchtest du zu Bett, Opilein?«

»Ja, du frecher Balg. Wenn ich nicht schon so gebrechlich wäre, würde ich dich übers Knie legen.«

Céleste lachte. »Da habe ich noch einmal Glück gehabt. Brauchst du sonst noch etwas?«

»Geld, Erfolg, Freiheit, eine willige Frau. Letztere aber erst morgen.«

Céleste schüttelte grinsend den Kopf. »Du weißt genau, wie ich das meinte: Darf ich dir etwas Essen und Trinken anbieten?«

»Etwas Wein, falls ich nachts Durst bekommen sollte, wäre nicht schlecht. Es stört dich wirklich nicht, wenn ich jetzt bereits zu Bett gehe?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht, wenn du mir versprichst, morgen Abend mit mir in den Wald zu gehen.«

Jean-François erinnerte sich lächelnd an Célestes Kindheit. Wann immer es ihm möglich gewesen war, sie zu besuchen, war er an ihrer Seite gewesen. Häufig spielten sie zusammen im Wald, suchten nach Koboldspuren und glaubten, Elfen zu sehen. Sie sammelten Brombeeren und wilde Erdbeeren, von denen es die meisten nicht bis nach Hause schafften, da sie zuvor gegessen wurden. Dies waren die wenigen Momente in seinem Leben, in denen er unbeschwert gewesen war.

»Wir könnten Steinpilze und Brombeeren sammeln«, sagte er.

»Ja, das könnten wir.« Sie lächelte versonnen. »Und Feen aufstöbern.«

Jean-François lachte. »Das letzte Mal entpuppten sich unsere Feen als wütende Wildscheine. Ich wusste gar nicht, dass du so schnell rennen kannst.«

Céleste grinste. »Und klettern erst. Mein Hintern tut jetzt noch weh, wenn ich nur daran denke, über eine Stunde auf diesem Baum gesessen zu haben.«

»Vielleicht finden wir diesmal richtige Feen.«

»Ja, vielleicht.«


 

 

 

Kapitel 2


 

 

 

Am Abend des 7. Juli 1560

»Wer ist die Alte, die uns die ganze Zeit verfolgt? Nach einer Fee sieht sie nicht gerade aus«, sagte Jean-François, der neben Céleste durch den Wald ging.

Céleste lachte warf einen Seitenblick auf die zahnlose, gebückte Gestalt, die fluchend hinter ihnen herhumpelte. »Das ist Marie, meine Moralwächterin, eine Freundin von Tante Camille. Sie wollte mich abends nicht mit dir allein aus dem Haus lassen, da sie dich für einen Kuppler hält.«

Jean-François lachte leise. »Als könnte mich ein altes Weib aufhalten, wenn ich etwas Schlimmes vorhätte. Zudem kann man Schandtaten auch bei Tage begehen.«

Céleste lachte. »Wohl wahr. Wofür die Waffe?«, fragte sie und deutete auf die Arkebuse in Jean-François’ Hand.

»Es soll hier Wölfe geben.«

Erstaunt sah sie ihn an. »Oh, ich habe hier bisher keine gesehen.«

»Es ist unwahrscheinlich, dass sie uns angreifen. Zu dieser Jahreszeit finden sie mehr als genügend Nahrung.«

»Sicher?«, fragte Céleste.

»Darauf verlassen würde ich mich nicht. Zudem sind es die zweibeinigen Bestien, die mir mehr Sorgen bereiten.«

»Zweibeinige Bestien?«

»Menschen, ma petite. Sie sind schlimmer als …« Er erstarrte mitten im Wort und gab den beiden ein Handzeichen, dass sie stehen bleiben sollten. Céleste sah ihn fragend an, folgte dann seinem Blick und schlug entsetzt ihre Hand vor den Mund.

Jean-François trat vorsichtig näher zu dem hellblonden Weib, das nackt und blutend auf dem Waldboden lag. Lange Wunden zogen sich über die linke Seite ihres Leibes.

»Oh, mon dieu!« entfuhr es Marie. Jean-François brachte sie mit einer Geste zum Schweigen.

»Die Wölfe?« Célestes Stimme bebte.

Jean-François schüttelte den Kopf. »Non, dafür sind die Krallenspuren zu groß.«

Er wandte seinen Blick von der Nackten ab und ließ ihn durch das Unterholz gleiten, die Arkebuse feuerbereit in Anschlag, doch nichts war zu sehen oder zu hören.

»Kannst du für einen Moment die Waffe nehmen, Céleste? Ich will mir ihre Verletzungen ansehen.« Er hielt Céleste die Arkebuse hin, die sie ohne zu zögern ergriff.

»Du weißt, der Rückstoß …«

Céleste sah ihn indigniert an. »Das weiß ich doch. Schließlich habe ich schon oft genug damit geschossen.«

Jean-François lächelte zufrieden. Die Schießübungen, die er mit ihr in den vergangenen Sommern durchgeführt hatte, trugen Früchte.

Langsam trat Jean-François näher zu der Verletzten. Er beugte sich über sie. Auch während er nach ihrem Puls tastete und ihre Wunden inspizierte, ließ seine Wachsamkeit nicht nach.

»Sie lebt«, sagte er. »Die Wunden sind nicht allzu tief. Nichts Gefährliches, solange sie kein Wundfieber bekommt.«

Céleste betrachtete sie. »Was hat diese Wunden verursacht?«

Er hob die Achseln. »Keine Ahnung. Ich werde sie nicht hier liegen lassen. Kannst du die Waffe auch während des Rückwegs nehmen?«

»Oui, mon frère. Ich schieße alles nieder, was sich uns in den Weg stellt.« Nicht für einen Moment blitzte Unsicherheit in Célestes Augen auf.

»Ihr könnt dem Kind keine Waffe geben«, sagte Marie.

»Céleste weiß damit umzugehen. Es ist besser, sie ist bewaffnet, als niemand, falls das Untier, das sie angegriffen hat, noch in der Nähe ist.«

Die Alte sah ihn böse an. »Dieses Weib kann nur eine Hure sein. Sonst würde sie nicht nackt im Wald liegen.«

»Schweigt, Marie!« Schärfe lag in seiner Stimme.

Sie zuckte unter seinem Blick zusammen, trat jedoch einen Schritt näher zu ihm heran.

»Erst lehrt Ihr Céleste das Lesen und Schreiben, dann den Umgang mit Waffen und jetzt wollt Ihr dieser Hure helfen. Es wird ein böses Ende mit Euch nehmen.«

»Schweigt, Närrin! Wir können sie nicht dem sicheren Tod überlassen, egal was sie in Euren Augen ist, in erster Linie ist sie ein Mensch!« Jean-François starrte sie an, woraufhin Marie den Kopf senkte und schwieg. Die Missbilligung in ihrem Blick entging ihm nicht.

Jean-François hob die Fremde vorsichtig auf seine Arme. Sie rührte sich nicht, gab jedoch ein leises Stöhnen von sich.

Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie war eine Schönheit mit langem silberblonden Haar. Ihre vollen Lippen luden geradewegs zum Küssen ein, doch Jean-François widerstand der Versuchung. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit dem Wald zu, um Verfolger oder Angreifer rechtzeitig bemerken zu können. Er warf einen Seitenblick zu Céleste, die grimmig dreinschauend die Arkebuse schießbereit in beiden Händen hielt. Das war seine Schwester, Blut von seinem Blut. Äußerlich unähnlich stand sie ihm im Charakter nahe.

Jean-François war erleichtert, als sie endlich Dôle erreichten. Er trug die Frau zu Tante Camilles Haus am Stadtrand.

Marie blieb neben der Tür stehen. »Ihr könnt dieses Weib nicht mit zu Euch nehmen«, sagte sie.

»Wohin dann? Nehmt Ihr sie auf?«

Sie schüttelte den Kopf. »Gewiss nicht! Ich dulde keine Hure in meinem Haus. Hierfür kann ich keine Verantwortung übernehmen. Ich gehe!« Marie stapfte davon.

»Ruf einen Arzt, Céleste.«

»Oui

»Keinen Arzt.« Die Stimme war leise nur, dennoch vernahm Jean-François sie. Auch Céleste musste sie gehört haben, denn sie blieb stehen.

Erstaunt blickte Jean-François in die Augen des jungen Weibes. Er hatte aufgrund ihres sehr hellen Haares erwartet, dass sie blau wären, doch sie waren von einem lichten Braun, dem Bernstein ähnlich.

»Keinen Arzt«, wiederholte sie.

»Aber Ihr werdet Euch Wundfieber holen.«

»Ich bin weit davon entfernt, zu sterben.« Sie hob ihren Blick zu Jean-François. »Bitte keinen Arzt. Ich werde es Euch später erklären.«

»Also gut.« Da Céleste die Tür öffnete, trug Jean-François trug die Fremde schnell über die Schwelle des Hauses. Er wollte nicht, dass sich eine Gruppe Schaulustiger zusammentrottete, während sie nackt in seinen Armen lag. Céleste öffnete auch die anderen Türen für ihn. Vorsichtig trug er die Fremde in sein Zimmer. Céleste zog sich zurück.

Jean-François legte die Fremde vorsichtig auf sein Bett legte. »Es dürfte meinem Ruf nicht sehr zuträglich sein, sollte man am Morgen ein totes Mädchen in meinen Räumen finden«, sagte er.

»Ich versichere Euch, dass es mir gut geht.«

Jean-François lächelte sie an. »Das glaube ich. Totgeweihte sprechen nicht so viel.« Er betrachtete ihr Gesicht. In der Tat sah sie nicht mehr so blass aus wie zuvor. »Was war das für ein Tier, das Euch angegriffen hat?«

»Ich konnte es nicht sehen, denn es kam von hinten.«

»Es könnte auch andere Menschen anfallen. Wir müssen etwas unternehmen.«